Kolumne Meine Woche

Coronavirus in Berlin: Die Nerven sind gereizt

Fünf Stunden diskutiert der Berliner Senat über Corona – und ist sich uneiniger als noch im Frühjahr, so Christine Richter.

Christine Richter, Chefredakteurin der Berliner Morgenpost

Christine Richter, Chefredakteurin der Berliner Morgenpost

Foto: dpa/Reto Klar

Geht es Ihnen auch so? Die große Einigkeit, die im März bundesweit herrschte, als die Corona-Krise auch Deutschland und Berlin erreichte, die ist vorbei. Die Gereiztheit nimmt zu. Die Ungeduld. Die Konflikte. Die Meinungsverschiedenheiten. Auch die politischen, die kulturellen Unterschiede. Manche sagen, das sei kein Wunder nach sieben Monaten Corona-Pandemie und Krisenmodus, andere meinen, es sei jetzt die falsche Zeit für solche gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, denn das Coronavirus werde uns noch sehr viele Monate lang beschäftigen.

In den vergangenen Tagen fielen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) durch ungewohnt emotionale Auftritte auf. Merkel appellierte vor einer Woche eindringlich in ihrer Videobotschaft an jeden einzelnen von uns, die Pandemie ernst zu nehmen, die Gefahr des Coronavirus nicht zu unterschätzen. „Bleiben Sie zu Hause, verzichten Sie auf Reisen, die nicht unbedingt notwendig sind“, so Merkels Botschaft.

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Michael Müller zeigt sich unerwartet emotional

Am Dienstag erlebten wir dann Müller für seine Verhältnisse unerwartet emotional in der Senatspressekonferenz. Da lagen schon fünf Stunden Senatssitzung hinter ihm, die Senatoren und Fraktionsvorsitzenden hatten sich im Klein-Klein verfangen. Linke und Grüne versuchten einmal mehr, alle weitergehenden Beschränkungen zu verhindern, wollten keine Kontaktbeschränkungen auf fünf Personen während des ganzen Tages hinnehmen, argumentierten mit dem Wunsch, mit der Großmutter weiterhin im Wald spazieren gehen zu wollen, oder stritten stundenlang über die Maskenpflicht auf belebten Straßen.

Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) hatte zur Sperrstunde ab 23 Uhr, die der Senat beschlossen hatte und die dann vor Gericht gescheitert war, keinen neuen Vorschlag. Sie meinte, sie habe ja keinen Auftrag dazu erhalten und hätte die Verantwortung dafür am liebsten auf den Innensenator abschieben wollen, berichten Teilnehmer der Senatssitzung.

Kein Wunder, dass Müller genervt war. Als er dann drohte, ohne Ergebnisse vor die Journalisten zu gehen, einigte man sich doch noch auf die erweiterte Maskenpflicht, auf das Vorhaben, die Sperrstunde nun mittels Rechtsverordnung oder Gesetz durchzusetzen. Dazu soll die Wirtschaftssenatorin einen Vorschlag erarbeiten.

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Michael Müller: „Das ist keine Angstmacherei. Das ist keine Schwarzmalerei. Das sind Fakten.“

In der Senatspressekonferenz empörte sich Müller mächtig: „Die Maßnahmen sind nicht aus der Luft gegriffen von irgendjemandem, der schlecht geschlafen hat.“ Er zeigte den Journalisten die Morgenpost-Grafiken, wo der Verlauf der Pandemie in Kurven und mit vielen Zahlen dargestellt wird: „Das ist keine Angstmacherei. Das ist keine Schwarzmalerei. Das sind Fakten.“

Doch es ist gar nicht so einfach in diesen auch emotional anstrengenden Tagen, die Fakten wahrzunehmen. Linke und Grüne blockieren die Entscheidungen auch deshalb, weil sie meinen, ihre eigene Wählerklientel sei besonders betroffen. Auch Juso-Chef Kevin Kühnert, der für die Berliner SPD im kommenden Jahr in den Bundestag will, meinte in dieser Woche, die jungen feiernden Menschen verteidigen zu müssen. „Da ist schon auch billige Stimmungsmache dabei“, sagte Kühnert im RBB-Inforadio zur Kritik an der jungen Generation. Dabei sind die Partys in den Parks und vor den Spätis Fakten. Eigentlich unübersehbare.

Es ist offensichtlich nicht leicht, in einer Pandemie einen kühlen Kopf zu bewahren. Für keinen von uns, wohl auch nicht für Politiker. Manchmal hilft wahrscheinlich ein Waldspaziergang – und mit einem kühlen Kopf hat man dann sicherlich nicht nur seine Wählerklientel, nicht nur seine eigene Situation im Blick, sondern die ganze Stadt.