Meine Woche

Steigende Corona-Infektionen - Zuschauen verbietet sich

Der Senat muss angesichts der Corona-Zahlen härter durchgreifen – auch mit Kontaktverboten, sagt Christine Richter.

Foto: dpa/Reto Klar

Berlin. Die Zahlen sind alarmierend: In fünf von zwölf Bezirken in Berlin liegt die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen schon über 40. Die kritische Grenze ist eigentlich bei 30 Neuinfektionen, ab 50 gilt ein Gebiet als Risikogebiet. Und das ist in diesen drei Berliner Bezirken schon der Fall: Das Robert-Koch-Institut meldet für Mitte 52,7 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, für Neukölln 47,8 und für Friedrichshain-Kreuzberg 42,5. Auch der Blick auf die Jugendlichen in Berlin zeigt, wie ernst die Lage ist: Bei den 20- bis 29-Jährigen liegt diese sogenannte Inzidenz schon bei über 66. Es muss also dringend etwas geschehen.

Doch im rot-rot-grünen Senat gehen die Einschätzungen der Corona-Lage noch immer weit auseinander. Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) wird nicht müde, zu warnen und Maßnahmen zu fordern, steht sie doch an der Front, ist in engem Kontakt mit den Bezirksstadträten – die auch Alarm schlagen –, den Gesundheitsämtern, Krankenhäusern und der Kassenärztlichen Vereinigung. Es reicht nicht mehr aus, zu sagen, man mache sich Sorgen. Kalayci wiederholte deshalb am Sonnabend ihre Forderung, Alkoholverkauf zu verbieten – das Ausschank- und Verkaufsverbot müsse für Restaurants, Bars, Kneipen und auch Spätis gelten – von 23 Uhr bis 6 Uhr. Außerdem verlangt Kalayci eine Kontaktbeschränkung auf Personen aus zwei Haushalten oder fünf Personen, um die Ausbreitung der Pandemie zu bremsen.

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Diese Forderungen sind nicht übertrieben, auch wenn Grüne, allen voran Wirtschaftssenatorin Ramona Pop, und Linke, allen voran Kultursenator Klaus Lederer, meinen, Kalayci überziehe, man müsse gezielter vorgehen, mit Verboten komme man nicht weiter. Den Forderungen der Gesundheitssenatorin liegt die Erkenntnis zugrunde, dass viele Kontakte zu vielen Infektionen führen. Außerdem entstehen die meisten Neuinfektionen derzeit auf Feiern – bei Familienfesten und Partys, drinnen und draußen. Und wenn Alkohol fließt, sinken die Hemmungen, wird kein Abstand mehr eingehalten, die Masken sind dann längst gefallen. Und, auch das wiederholt Kalayci immer und immer wieder: Junge Menschen verzichten nicht auf Treffen in größeren Gruppen, auch nicht, wenn es draußen kühler wird. Also muss man solche Treffen jetzt, mitten in der Pandemie, angesichts der massiv steigenden Zahlen, untersagen. Und dann mehr kontrollieren – mit gezielten Aktionen von Polizei und Ordnungsamt in Parks oder Grünanlagen.

Doch Pop und Lederer, sie wollen mal wieder ihre eigene Klientel nicht verschrecken und wehren sich gegen schärfere Maßnahmen. Lederer veranstaltete am Sonnabend sogar einen Tag der Clubkultur. Dabei ist nun wahrlich keine Zeit zum Feiern, weder in Clubs noch im privaten Bereich.

In den vergangenen fast sieben Monaten ist Deutschland, ist Berlin gut durch diese gefährliche Corona-Pandemie gekommen. In Berlin hat es anfangs ziemlich geruckelt, weil der Senat nur zögerlich durchgreifen wollte, dann aber war man konsequent. Nun, nach dem Sommer, in dem die Zahl der Corona-Neuinfektionen vorübergehend gesunken war, fällt es dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) und einigen Senatoren schwer, wieder zum konsequenten Durchgreifen zurückzukehren. Es gibt, da hat die Gesundheitssenatorin recht, dazu aber keine Alternative, will man verhindern, dass die Lage unkontrollierbar wird und sich die Krankenhäuser wieder füllen, dass wieder mehr Menschen an Corona sterben.

Berlin ist in der Innenstadt schon zum Risikogebiet worden. Zuschauen, wie sich die Lage noch mehr verschlimmert, verbietet sich. Auch für diesen Berliner Senat.

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