Kolumne "Meine Woche"

Auf dem Weg zur Erziehungsdiktatur

Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) hat einen Diversity Leitfaden erstellt – und nichts verstanden, findet Christine Richter.

Chefredakteurin Christine Richter über den „Diversity Leitfaden für die Berliner Verwaltung“ von Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne).

Chefredakteurin Christine Richter über den „Diversity Leitfaden für die Berliner Verwaltung“ von Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne).

Ist Ihnen die neue Berlin-Kampagne schon aufgefallen? Die weißen Plakate, mit schwarzen Rand, einem kleinen, etwas verfremdeten Berliner Bären und komischen Sprüchen wie „Ich so: BDSM. Du so: Slackline. Wir beide so: Hexenschuss.“ oder „Ich so: Brötchen. Du so: Semmeln. Wir beide so: Zwei Schrippen bitte.“ Alles unter dem übergreifenden Motto: „WirsindeinBerlin“. Mein Humor ist das nicht, aber sicherlich fanden es die Senatskanzlei, die die Kampagne beauftragt hat, und auch die beteiligten Verantwortlichen von „Berlin Partner“, „Visit Berlin“ und von den Kulturprojekten lustig. Die ganze Sache hat übrigens rund 1,5 Millionen Euro gekostet.

Aber weil nicht alle aufgepasst haben, musste ein Ausdruck aus der Kampagne – „Vom Ich zum Wir“ – gleich wieder verschwinden. Dieser Slogan war in den 1960er-Jahren in der DDR-Propaganda genutzt worden, um die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft zu rechtfertigen. Als dann auch noch ein AfD-Abgeordneter vom Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) Auskunft dazu begehrte, dauerte es nicht mehr lange, bis der Ausdruck wieder gelöscht wurde.

Von jeher ist das mit den Berlin-Kampagnen so eine Sache. Mit der „be Berlin“-Werbung in den vergangenen Jahren habe ich mich nie so anfreunden können, aber zumindest hat man sie im Ausland verstanden. Und manch einer meint ja, offizieller Spruch des Landes sei der Satz des ehemaligen Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD) gewesen: „Berlin ist arm, aber sexy.“ War er nie, ist aber immer noch ein perfekter Slogan für unsere großartige Stadt.

Um die Sprache kümmert sich übrigens auch der Berliner Justizsenator, dem es aber weniger um das Gemeinsame geht, sondern um die Erziehung und Gesinnung von uns allen. Dirk Behrendt (Grüne) hat in diesen Tagen einen „Diversity Leitfaden für die Berliner Verwaltung“ vorgelegt, denn er ist ja auch noch zuständig für Verbraucherschutz und Antidiskriminierung. Darin gibt Behrendt, der sich eigentlich dringend um die Zustände in der Berliner Justiz kümmern müsste, den Beschäftigten im Öffentlichen Dienst vor, welche Bezeichnungen sie künftig zu benutzen haben: Aus „Asylant“ wird „Asylsuchender“ oder „Schutzsuchender“, aus „Ausländer“ werden dann „Einwohnende ohne deutsche Staatsbürgerschaft“. Auch „ausländische Mitbürger“ soll man nicht mehr sagen, weil das „Mit-“ den Menschen nur einen „eingeschränkten Bürger-Status“ einräume, es soll „ausländische Bürger“ heißen. Statt „Flüchtling“ sollen die Begriffe „Geflüchteter“, „Schutzsuchender“ oder „geschützte Person“ benutzt werden. „Illegale Migranten“ gibt es nach diesem Leitfaden nicht, sondern nur noch „undokumentierte Migranten“. Und Menschen mit schwarzer Hautfarbe sollen künftig als „Schwarze Menschen“ oder „Schwarze Deutsche“ bezeichnet werden, wobei das Schwarz groß zu schreiben sei. „Dunkelhäutig“ oder „farbig“ sind verpönt. Ach ja, „schwarzfahren“ und „anschwärzen“ auch. Stattdessen sollen wir vom „Fahren ohne gültigen Fahrausweis“ oder von „denunzieren“ sprechen.

In dem 44-seitigen Leitfaden taucht übrigens auch die Berliner Morgenpost auf – mit unserem Kampagnenmotiv aus dem Jahr 2010, das zu dem Satz „Berlin ist, wenn eine Familie nicht aussehen muss wie eine Familie“ ein lesbisches Paar mit Kind im Mauerpark zeigt. Vor zehn Jahren (!) war das ein bisschen frech, sogar in Berlin – wir wollten zeigen, wie vielfältig und bunt Berlin ist. Heute kritisiert Behrendt mit seinen Diversity-Leuten, dass damit eine bestimmte Form von Normalität vorgegeben werde.

Behrendt hat nichts verstanden von unserem großartigen Berlin.