Kommentar

75 Jahre Kriegsende - Der 8. Mai ist ein Tag zum Innehalten

Das Grauen von damals darf sich nicht wiederholen. Niemals. Dafür sind wir alle gemeinsam verantwortlich, schreibt Christine Richter.

Menschen gehen nach Kriegsende auf einer Straße an zerstörten Häusern entlang. Im Mai 1945 liegt nach fast sechs Kriegsjahren Nazi-Deutschland in Trümmern.

Menschen gehen nach Kriegsende auf einer Straße an zerstörten Häusern entlang. Im Mai 1945 liegt nach fast sechs Kriegsjahren Nazi-Deutschland in Trümmern.

Foto: dpa/Reto Klar (montage)

Berlin. Es ist ein denkwürdiger Tag: Am 8. Mai vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg, Nazi-Deutschland kapitulierte nach einem fast sechs Jahre andauernden grausamen Krieg, bei dem viele Millionen Menschen zu Tode kamen. Unvorstellbar der von den Nazis geplante Holocaust, die Ermordung von Millionen Juden in den Konzentrationslagern, unvorstellbar das Leid in den Ländern, in denen die deutsche Soldaten einfielen.

Auch in Deutschland starben während des Zweiten Weltkriegs viele Zivilisten, auf der Flucht vor Krieg und Gewalt verloren Hunderttausende Menschen, nicht nur Deutsche, ihr Leben. So viele Opfer, so viel Leid. Wenn ich mir die Fotos von damals anschaue, die Berichte lese oder Filme ansehe, dann macht es mich immer wieder fassungslos, wie all das geschehen konnte.

Der Tag des Untergangs von Nazi-Deutschland, der Tag der Befreiung

Berlin im Mai 1945 – das war eine Stadt, die nahezu völlig zerstört war. Adolf Hitler und Joseph Goebbels hatten kurz vor Kriegsende Selbstmord begangen und sich jeglicher Verantwortung entzogen, dann gaben einzelne Wehrmachtsverbände auf. Die Russen eroberten Berlin, am 8. Mai schließlich wurde im Offizierskasino in der Pionierschule in Karlshorst die Kapitulationsurkunde unterzeichnet – von den Alliierten, für die deutsche Wehrmacht von Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel. Es war der Tag des Untergangs des nationalsozialistischen Deutschlands, es war der Tag der Befreiung.

Um des Kriegsendes vor 75 Jahren zu gedenken, ist der 8. Mai in diesem Jahr ein Feiertag. Nur in Berlin, der Stadt, aus der heraus die Nazis ihren Schrecken verbreiteten, nur in diesem Jahr. Eigentlich waren zu diesem besonderen Jahrestag viele Gedenkveranstaltungen geplant, mit denen wir uns auch bei den Alliierten bedanken wollen. Es sollte eine große Ausstellung am Brandenburger Tor gezeigt werden, die wegen der Corona-Krise nun digital zu sehen ist. Im Deutsch-Russischen Museum in Karlshorst, dort, wo die Kapitulationsurkunde unterzeichnet worden war, gibt es eine Sonderausstellung – noch hinter verschlossenen Türen.

Der Blick auf die Nazi-Jahre ist immens wichtig

Denn der Blick auf das dunkle Deutschland seit 1933, auf die Jahre des Nazi-Regimes, ist immens wichtig. Wir dürfen nicht vergessen. Wir müssen darüber sprechen, warum die Demokratie Ende der 1920er-Jahre gescheitert war, wie die Nazis an die Macht kommen konnten, welche Fehler gemacht wurden. Wir müssen uns erinnern – und auch eine neue Erinnerungskultur schaffen, denn mit jedem Jahr wird die Zahl der Zeitzeugen, die diese Jahre erlebt haben und uns berichten können, weniger.

Das Grauen von damals darf sich nicht wiederholen. Niemals. Dafür sind wir alle gemeinsam verantwortlich.