Meine Woche

Der Flughafen Tegel schließt - Zeit, sentimental zu werden

In Corona-Zeiten ist von Ungeduld bis Geduld alles möglich. Auch das vorzeitige Aus für Tegel, beobachtet Christine Richter.

Christine Richter, Chefredakteurin

Christine Richter, Chefredakteurin

Foto: dpa/Reto Klar

Berlin. Erinnern Sie sich noch an die Nachrichten aus Bayern, Mitte Februar? Als die ersten Corona-Fälle im Zusammenhang mit dem Autozulieferer Webasto gemeldet wurden, wenig später sind uns die vielen Infektionen im Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen bekannt geworden. Ab Mitte März, da nahm die Corona-Krise in Deutschland so richtig Schwung auf, da wurde klar, dass nun auch in Deutschland die Gefahr, sich mit dem Virus zu infizieren, signifikant gestiegen ist, dass es zu Kontaktsperren und starken Einschränkungen unseres bisherigen Lebens kommen würde.

Seitdem ist unsere Welt eine andere geworden: Wir, die Redaktion der Berliner Morgenpost, sind bis auf wenige Ausnahmen seit sieben Wochen im Homeoffice, Gaststätten, Cafés und Biergärten sind noch immer geschlossen, meine Eltern, meine Geschwister und ihre Familien, meine Freunde habe ich seit Beginn der Kontaktsperre nicht mehr gesehen, geschweige denn umarmt.

Phasen voller Ungeduld und Gelassenheit

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich mache so ziemlich alle Phasen durch – die voller Ungeduld, dann wieder eine mit viel Gelassenheit und Geduld, dann die Phase mit dem Wunsch, sofort und möglichst weit weg zu verreisen, schließlich die Zeit der Freude über Berlin und die Spaziergänge durchs Viertel, das Staunen über die leeren Straßen, das Genießen der neuen Ruhe.

Und natürlich die Phase, in der ich unsicher bin und mir alles unangemessen vorkommt – aktuell rund 30.000 Infizierte in Deutschland, in einem Land mit 80 Millionen Einwohnern, und dann diese strikten Maßnahmen? Und so groß ist meine Sorge über den Wirtschaftskollaps, über die vielen Kurzarbeiter, die Gastronomen und Hoteliers, über all die Unternehmer, die von heute auf morgen null Einnahmen hatten – und immer noch nicht wissen, wie es weitergeht.

In dieser Woche haben die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten zwar wieder beraten, aber nur wenige Beschlüsse gefasst. Erst am Mittwoch soll beim nächsten Spitzentreffen entschieden werden, ob und wie weiter gelockert wird. Öffnen die Kitas noch vor August? Man kann es für die vielen Familien und Alleinerziehenden nur sehr hoffen. Dürfen Restaurants und Cafés wieder Gäste empfangen? Hoffentlich, denn schon jetzt ist klar, dass deren Überleben sehr, sehr schwer wird – zumal in einer Branche, die es eh schwer hat.

In der Gastronomie zählt jeder Tag

Für die Gastronomen und Hoteliers zählt jeder Tag. Und wenn die Öffnung der Gaststätten noch im Mai zugelassen wird, dann fehlt wegen der Abstandsregeln von vornherein ein Drittel bis die Hälfte der Gäste – und damit der Einnahmen. Aber warum sollte den Gastronomen nicht erlaubt werden, was jetzt in allen Geschäften möglich ist? Es wird wieder so ein Tag der Entscheidung, der kommende 6. Mai.

Entschieden wurde dagegen schon über die Zukunft von Tegel. Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat in dieser Woche den Antrag auf Schließung gestellt. Sollte sich das Passagieraufkommen im Laufe des Monats Mai nicht erholen, wird der Flughafen zum 1. Juni vom Netz genommen.

Abschied vom Flughafen Tegel naht

Da der Flugverkehr weltweit zusammengebrochen ist, da im Mai keine Besserung zu erwarten ist, müssen wir uns jetzt auf den Abschied von Tegel vorbereiten. Viele, auch ich, haben in den vergangenen Jahren immer mal wieder über TXL geschimpft, weil die Warteschlangen beim Check-in viel zu lang waren, weil zu wenig Personal vor Ort war, weil man lange auf die Koffer warten musste, weil Meckern in Berlin manchmal dazu gehört.

Dass Tegel nun noch vor der Eröffnung des BER – und nicht ein halbes Jahr danach – schließen wird, das hätte sich vor acht Wochen noch keiner von uns vorstellen können. Es droht eine neue Phase: die Zeit, sentimental zu werden.

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