Meine Woche

Die Tage der Rücktritte

In der Politik geht es turbulent zu - und auch bei Hertha, wo Jürgen Klinsmann hingeworfen hat. Die Woche in Berlin.

Jürgen Klinsmann ließ Hertha im Regen stehen. Es ist nicht der einzige prominente Abgang dieser Tage, schreibt Christine Richter.

Jürgen Klinsmann ließ Hertha im Regen stehen. Es ist nicht der einzige prominente Abgang dieser Tage, schreibt Christine Richter.

Foto: Britta Pedersen/dpa; Mauruzio Gambarini

Man kommt gar nicht mehr hinterher mit dem Zählen, angesichts der vielen Rücktritte in den vergangenen Tagen. In Thüringen legte der mit den Stimmen der AfD gewählte Ministerpräsident Thomas Kemmerich nach drei Tagen im Amt dieses wieder nieder, dann kündigte Mike Mohring gleich zwei Mal seinen Rücktritt an – erst als Fraktionschef, dann als Parteichef –, am vergangenen Montag – ja, es ist wirklich erst ein paar Tage her –, erklärte die CDU-Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer, dass sie nicht Kanzlerkandidatin werden wolle und dann auch als Parteichefin zurücktreten werde, und am Dienstag, als einem in der Politik schon schwindelig geworden war, trat Jürgen Klinsmann nach nur 76 Tagen als Trainer bei Hertha BSC zurück. Da hatte ich dann wirklich schlechte Laune.

Ob all diese Menschen – so unterschiedlich die Fälle sind – schon mal über ihre Verantwortung nachgedacht haben? Sich dessen bewusst sind, welche Ämter sie da übernommen haben und ausfüllen sollen? Kemmerich hätte die Wahl gar nicht annehmen dürfen. Wie sagte in dieser Woche der Innenminister von Sachsen-Anhalt, Holger Stahlknecht (CDU), gefragt nach seiner Einschätzung zu den Vorgängen im Nachbarland, so klar: In wenigen Sekunden hätte Kemmerich „zum Helden“ werden können, wenn er die Wahl abgelehnt hätte. Kemmerich aber habe sich für das Gegenteil entschieden, so Stahlknecht.

Es mangelt an Verantwortungsbewusstsein

Was hat Mohring, der die Landtagswahl in Thüringen im September deutlich verloren hatte, aus seinem politischen Amt gemacht? Zumindest nicht die Verantwortung für die Wahlniederlage übernommen. Und Kramp-Karrenbauer? Auch wenn sie wegen eigener Fehler, wegen Merkel und wegen fehlender Loyalität in der CDU keine Chance mehr hatte, der Zeitpunkt des Rücktritts lässt einen wieder an ihren Kompetenzen zweifeln. Erst recht ihr Zeitplan, wonach der Nachfolger erst im Dezember bestimmt werden sollte. Im Dezember. Wir haben noch nicht einmal Ende Februar.

Und dann wäre da noch Jürgen Klinsmann. Hat er nicht kürzlich noch gemeinsam mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller für die Internationale Automobilausstellung (IAA) in Berlin geworben? Hat er nicht so getan, als ob ihm Verein und Stadt etwas bedeuten würden? Auch ich habe mich gründlich in Klinsmann getäuscht. Sein abrupter Rückzug ist verantwortungslos gegenüber den Spielern, gegenüber dem Verein, gegenüber den Fans. Der 55-Jährige hat sich wie ein 17-Jähriger ohne jegliche Lebenserfahrung gebärdet. Dass er sich via Facebook dann auch noch mit den Worten „HaHoHe. Euer Jürgen“ verabschiedet, das ist geradezu bösartig.

In der Politik wird heftig diskutiert

Angesichts all dieser Ereignisse in den vergangenen Tagen wird in der Politik heftig diskutiert. Über das eigene politische Verhalten. Über Haltung. Über Verantwortung. Viele mühen sich in dieser, auch emotionalen Auseinandersetzung sehr ernsthaft, ringen um Positionen.

Doch einer fiel mal wieder aus dem Rahmen. Der SPD-Fraktionschef Raed Saleh, der sich anschickt neben Franziska Giffey neuer SPD-Chef in Berlin zu werden. In einem Beitrag für die „Berliner Zeitung“ warf er CDU und FDP vor, sich nicht klar genug von der AfD zu distanzieren, diese müssten die Menschen, die mit der AfD kokettierten, aus ihren Parteien ausschließen. Solange dies nicht geschehe, seien die Bekundungen von Union und FDP nur „hohle Phrasen“, erhob sich Saleh über die beiden Parteien. Und kam zu dem Ergebnis: „Uneingeschränkt zur Demokratie und zum Grundgesetz stehen nur die Parteien der linken Mitte – nämlich SPD, Grüne und Linke.“

Ob sich jemand findet, der Saleh endlich mal erklärt, was Verantwortung in der Politik bedeutet?