Meine Woche

Wegducken statt Regieren

Weil sich Senatorin Pop verweigert, wirbt Jürgen Klinsmann für Berlin für die Automesse der Zukunft. Christine Richter ist ein Fan.

Ramona Pop (Grüne) hat als Wirtschaftssenatorin versagt, beobachtet Christine Richter.

Ramona Pop (Grüne) hat als Wirtschaftssenatorin versagt, beobachtet Christine Richter.

Foto: Reto Klar

Berlin hat einen neuen Sympathieträger. Jürgen Klinsmann, der ehemalige Fußball-Welt- und -Europameister, hat nicht nur vor wenigen Wochen als Trainer die angeschlagene Hertha-Mannschaft übernommen und schlagartig die Aufmerksamkeit auf Berlin gelenkt, nein, in dieser Woche sprang er auch noch dem Berliner Senat zur Seite. Und warb auf sympathische, auf optimistische Weise für Berlin als künftigen Standort für die Internationale Automobilausstellung (IAA). Klinsmann war eingesprungen, weil die Berliner Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) versagt hat. Wieder einmal. Doch der Reihe nach.

Die IAA ist seit vielen Jahren in Frankfurt am Main zu Hause. Doch in Zeiten des Abgasskandals, der Dieselkrise und des Klimawandels will der Verband der Automobilindustrie (VDA) nicht nur sich, sondern auch die Automobilschau verändern. Kaum war das öffentlich bekannt, bekundeten viele Städte ihr Interesse. München, Stuttgart, Köln, Hannover, aber auch Berlin, denn mit großen Messen haben wir hier in der Stadt viel Erfahrung und die Messegesellschaft Berlin auch viel Erfolg. Und es geht um eine neue IAA, um eine Automobilausstellung der Zukunft. Der Berliner Messechef Christian Göke war sofort von der Idee begeistert, ebenso der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD).

Zunächst sprach sich auch Pop für eine IAA in Berlin aus, doch weil sie so wenig Hausmacht in ihrer eigenen Partei hat, votierte Wochen später ein Grünen-Parteitag gegen die IAA in Berlin. Und wie reagierte Pop? Sie knickte ein, statt sich für die Interessen der Stadt und der Wirtschaft einzusetzen, so wie sie es in ihrem Amtseid bei der Übernahme des Wirtschaftsressorts geschworen hat. Andere wie Klaus Wowereit (SPD), der ehemalige Regierende Bürgermeister, haben früher abgewogen, was schwerer wiegt – das Interesse der Stadt oder die Laune seiner Partei. Und sich, Sie ahnen es, dann für die Stadt entschieden.

Ramona Pop ist bei der IAA eingeknickt

Doch Pop ist von solcher Größe weit entfernt. Sie versuchte noch, den Journalisten einzureden, dass Müller sie ja eigentlich gar nicht dabei haben wolle bei der Präsentation vor dem Verband der Automobilindustrie am Donnerstag in Berlin, dass Müller das ja ganz allein machen wolle. Doch das sei nicht wahr, berichteten mir Senatsmitglieder. Müller habe in der Senatssitzung den Wunsch geäußert, dass auch seine Stellvertreter, also die Bürgermeisterin und Wirtschaftssenatorin Ramona Pop sowie Bürgermeister und Kultursenator Klaus Lederer (Linke), die Bewerbung unterstützen würden. Pop duckte sich weg, Lederer wartete ab – und sagte Müller erst ab, als Pop sich nicht rührte.

Zum Glück gelang es dem Regierenden Bürgermeister noch, eine stimmige Delegation zusammenzustellen. Von den „Traumschiff“-Dreharbeiten in Kapstadt wurde die Produzentin und Präsidentin der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK), Beatrice Kramm, eingeflogen. Müller, Kramm, die Vizepräsidentin der Technischen Universität Berlin, Christine Ahrend, Messechef Göke und eben Klinsmann stellten Berlins Pläne vor. Und das kam offensichtlich gut an, auch wenn die VDA-Vertreter nach den Grünen fragten, schließlich sind die Regierungspartei.

Müller nahm es sportlich, meinte, im Senat habe ja keiner widersprochen, deshalb bewerbe sich auch das Land Berlin – und verwies auf die Lebendigkeit und politische Vielfalt in Berlin. Und Klinsmann – der einzige, den man dem VDA nicht vorstellen musste, wie Messechef Göke lachend erzählte – gab fast eine Liebeserklärung für Berlin ab, für eine Stadt, so Jürgen Klinsmann, „in der so viel in Bewegung“ sei. Nicht nur im Sport.

Wenn ich nicht schon Fan von Klinsmann wäre, ich wäre es diese Woche geworden.

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