Meine Woche

Berlin "deattraktivieren"? Die Stadt darf nicht kapitulieren

Weniger Menschen sollen nach Berlin ziehen. Um das zu erreichen, will die rot-rot-grüne Koalition die Stadt unattraktiver machen.

Die rot-rot-grüne Koalition versucht, Berlin zu „deattraktivieren“.

Die rot-rot-grüne Koalition versucht, Berlin zu „deattraktivieren“.

Foto: pa/Reto Klar

Ich habe ein neues Wort gelernt: Die rot-rot-grüne Koalition, so wurde mir in dieser Woche berichtet, rede offen darüber, Berlin zu „deattraktivieren“. „De … was?“, fragte ich nach. „Deattraktivieren.“ Rot-Rot-Grün wolle die Stadt unattraktiver machen, hieß es zur Erklärung.

Man arbeite daran, dass weniger Menschen nach Berlin ziehen würden, dass es immer schwieriger sei, eine gute Wohnung zu finden, man verhindere, dass mehr gebaut werde oder gar Hochhäuser entstünden. Ganz zu schweigen von den Problemen in den Bürgerämtern, mit der Verkehrslenkung und anderen Verwaltungen.

Ein interessanter Gedanke. „Deattraktivieren“ beschreibt die Lage in Berlin nämlich ganz gut.

Berlin „deattraktivieren“: Bestes Beispiel ist der Checkpoint Charlie

Beispiel Checkpoint Charlie. Der ehemalige Grenzübergang in Kreuzberg ist ein bedeutender Schauplatz des Kalten Krieges. Ein Ort, zu dem die Touristen strömen, denn dort gibt es ein Museum, ein Kontrollhäuschen, vor dem man sich fotografieren lassen kann.

Das Museum, in privater Hand, ist leider schrecklich heruntergekommen, der ganze Ort mit Ramsch und Touri-Kram völlig vernachlässigt. Doch der Senat sieht seit vielen Jahren zu, auch der rot-rot-grüne. Schlimmer noch: Vor gut einem Jahr wurde der Bebauungsplan, der auch ein neues Museum für den Kalten Krieg vorsieht, von Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) angehalten und alles auf Anfang gestellt. Mit Unterstützung der Grünen.

Nun sollen dort viele Sozialwohnungen entstehen, in die Höhe will Lompscher nicht bauen. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) teilt diese Ansicht nicht, schon zweimal wurde der Beschluss über die Bebauung am Checkpoint Charlie vertagt, so auch am vergangenen Dienstag. Aber Lompscher will keinen Kompromiss, sondern die ­Sozialwohnungen durchdrücken, der Investor Trockland soll dort nicht zum ­Zuge kommen.

Ich neige nicht zu Verschwörungstheorien, aber ich vermute, langfristig hoffen Lompscher und die Linke, dass dort auch der Erinnerungsort an den Kalten Krieg verschwindet, wenn mit den vielen Mietern und einem umgestalteten Platz die Touristen ebenfalls allmählich vertrieben werden. Und ich befürchte, dass Müller am kommenden Dienstag nicht die Kraft hat, die Pläne von Lompscher abzulehnen, sondern aus Koalitionsräson mal wieder zustimmt. Anders gefragt: Würde ein neuer Checkpoint Charlie mit Hoch­häusern die Attraktivität von Berlin steigern? Sicherlich.

Berlin wächst: Man muss in die Höhe bauen

Beispiel Hochhäuser: Wenn Berlin wächst und immer mehr Menschen nach Berlin kommen, hier arbeiten oder investieren oder studieren wollen, dann müsste man in der City auch in die Höhe bauen. Ob am Alexanderplatz oder in der City West.

Als in dieser Woche der erste Spatenstich für den Alexander-Tower am Alexanderplatz erfolgte, beerdigten die Linken schon mal das zweite ge­plante Hochhaus. Dort gab es Probleme wegen des U-Bahn-Tunnels der Berliner Verkehrsbetriebe. Lange Zeit geschah nichts, nun ist die Frist für den Bebauungsplan abgelaufen. Die Linken jubeln. Würden Hochhäuser die Attraktivität der City Ost steigern? Unbedingt.

Langsame und schlecht ausgestattete Verwaltung

Oder denken Sie an die langsame und schlecht ausgestattete Verwaltung in Berlin. Sollten Sie im Dezember noch einen Termin in einem Berliner Bürgeramt buchen wollen, können Sie das Vorhaben aufgeben oder auf gut Glück hingehen. Ich habe nachgeschaut: Erst in vier Wochen ist wieder ein Termin buchbar, aber natürlich nicht in einem Bürgeramt Ihrer Wahl. Würden funktionierende Bürgerämter die Attraktivität der Stadt steigern? Ganz bestimmt.

Ich denke, es ist an der Zeit, ein Hoch auf Berlin anzustimmen. Und auf die Tatsache, dass Berlin nicht kapituliert. Auch nicht vor diesem Senat.