Kolumne

Auf Greta folgt die Flugscham

Nicht mehr fliegen, um das Klima zu schonen? Christine Richter plädiert für ein bisschen mehr Bewusstsein.

Berlin. Ich habe in den vergangenen Tagen ein neues Wort gelernt: Flugscham. Eine meiner Kolleginnen ist für drei Tage nach Verona gefahren – mit dem Zug. Aus, wie sie sagt, Flugscham. Sie wollte das mal ausprobieren. Berliner Klimaaktivisten prognostizieren, dass Flugscham schon in wenigen Jahren unser Handeln bestimmen werde und dann völlig normal sei. Und auch Greta Thunberg, die Vorkämpferin für den Klimaschutz, fliegt ja nicht, sondern reist nur mit dem Zug oder dem Schiff durch die Welt.

Ich finde diese Entwicklung sehr interessant, denn in den vergangenen Jahren habe ich mit großem Interesse den Erfolg der Billigairlines beobachtet. Easyjet, Ryanair und etliche andere Fluggesellschaften haben es mit ihren deutlich günstigeren Preisen ermöglicht, dass viele junge Menschen quer durch Europa oder die Welt reisen können.

Berlin-Tegel nach Palma de Mallorca: 28,48 Euro

Aktuelle Beispiele gewünscht? Wer Mitte August für eine Woche mit Ryanair von Berlin-Tegel aus nach Palma de Mallorca fliegen will, zahlt gerade mal 28,48 Euro. Für Hin- und Rückflug. Wen es Anfang August möglicherweise für zwei Wochen nach Barcelona zieht, der ist mit 119 Euro dabei. Oder wer mit Easyjet Mitte August für eine Woche nach Palma will, zahlt 41 Euro, für die Reise nach Rom – selbstverständlich für Hin- und Rückflug – werden 74 Euro fällig. Wundert sich angesichts dieser Preise noch jemand, dass die Billigflieger solch einen Boom erleben?

Berlin verzeichnete jetzt einen neuen Rekord: 17,5 Millionen Flugpassagiere wurden im ersten Halbjahr 2019 in Tegel und Schönefeld gezählt – fast zwölf Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2018.

Für Klima demonstrieren und dann billig in den Urlaub fliegen?

Nach den jüngsten Umfragen halten die meisten Deutschen Klimaschutz für eines der wichtigsten Themen. Auch in den Sommerferien gehen Schülerinnen und Schüler, die nicht mit im Urlaub sind, in Berlin und anderswo auf die Straße und fordern, dass die Bundesregierung schneller handeln müsse. Politiker aller Parteien greifen das Thema inzwischen ja auf – und diskutieren mit den Jugendlichen, entwickeln Klimaschutz-Pläne oder sprechen über CO2-Steuern.

Die Demonstrationen sind das eine, ich hoffe aber, dass alle ihr eigenes Verhalten ändern. Das beginnt im Alltag beim Verzicht auf Plastiktüten oder Einwegbecher, es geht weiter bei der Freizeit- und Urlaubsplanung. Für mich passt es nicht zusammen, wenn man für den Klimaschutz demonstriert und dann mit den Billigairline in den Urlaub fliegt. Oder grün wählt, dann aber zur Städtetour mit dem Auto anreist, weil die Bahnfahrt für vier Personen zu teuer sei. Oder über die Politiker schimpft, die nichts für den Klimaschutz machen würden, selbst aber die nächste Kreuzfahrt durchs Mittelmeer bucht. Gibt’s doch alles nicht, meinen Sie. Oh doch – das alles erlebe ich gerade in meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Die Diskussionen über das eigene Verhalten sind gar nicht so einfach.

Man muss keine Flugscham entwickeln

Meine Eltern haben sich in den 60er- und 70er-Jahren Flugreisen mit uns drei Kindern nicht leisten können. Wir haben meist in Deutschland Urlaub gemacht, mal an der Nordsee, mal in den Bergen. Als wir älter wurden, wollten wir uns Europa anschauen. Das Fliegen war für uns als Schüler oder Studenten viel zu teuer – wir sind mit dem Interrail-Ticket nach Spanien oder Portugal gefahren, später haben wir für Flugreisen gespart und sind einmal im Jahr ins Ausland, auch mal nach Thailand, aufgebrochen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich will nicht in die alten Zeiten zurück, sondern ich freue mich, dass es für viele Menschen so viel einfacher geworden ist, andere Länder und Kulturen zu entdecken.

Man muss, so glaube ich, aber auch keine Flugscham entwickeln. Es wäre schon mit ein bisschen mehr Bewusstsein getan. Wenn man es denn ernst meint mit dem Klimaschutz.