Meine Woche

Vorbild Japan - Michael Müller auf Kurzreise

Der Regierende Bürgermeister und die Wirtschaftsvertreter lernen auf der Kurzreise eine Menge, sagt Christine Richter.

Christine Richter, Chzefredakteurin

Christine Richter, Chzefredakteurin

Foto: Kevin Hoffmann/ Reto Klar

Der Unternehmer Tobias Wittich hatte uns vorgewarnt. „Sie werden erstaunt sein, wie leise es in Tokio ist“, sagte der Berliner schon am Flughafen in Tegel, als sich die Wirtschaftsdelegation der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin am vergangenen Wochenende sammelte, um, mit Zwischenstopp in Helsinki, nach Tokio zu fliegen. Wittich kennt sich aus, er hat vor einigen Jahren einmal drei Jahre lang in der japanischen Hauptstadt gelebt.

Und wir staunten: Am Montag erkundete der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) mit einem Teil der Delegation die Stadt, mehr als zwei Stunden lang. Es war überraschend still. Die Tokioter, die unterwegs sind, schweigen meist. „Aus Rücksicht auf die anderen, sonst funktioniert ein Zusammenleben von Millionen Menschen auf begrenztem Raum nicht“, erklärten uns auch die Gesprächspartner, die in Japan wohnen. Es ist geradezu verpönt, in der U-Bahn oder im öffentlichen Raum mit dem Handy zu telefonieren. „Ich habe das einmal in der U-Bahn gemacht, da gab es aber böse Blicke“, erzählte mir ein Manager, der seit einem Jahr in Tokio lebt und arbeitet. „Ach, wäre das in Berlin ein himmlischer Zustand“, dachte ich.

Auffallend still ist es in Tokio auch, weil es für eine Zehn-Millionen-Metropole nur wenig Autoverkehr gibt, denn die meisten Menschen benutzen die U-Bahn. Etwa 8,5 Millionen Tokioter werden täglich mit dem öffentlichen Nahverkehr durch die Stadt transportiert. Zum Vergleich: In Berlin sind es etwa 1,5 Millionen Menschen am Tag. So standen wir bei unseren anderen Touren mit dem Kleinbus durch Tokio nicht oder höchstens mal fünf Minuten im Stau, egal, zu welcher Uhrzeit wir unterwegs waren. In der Innenstadt gibt es nur wenige und wenn, dann teurere Parkplätze.

Und das U-Bahn-Fahren ist problemlos möglich, preiswert – und sicher. Das gehört zur Geschichte dazu: In Japan ist die Kriminalitätsquote gering, auch im größten Gedränge gebe es keinen Taschendiebstahl, erzählten uns die Stadtführer. „Sie können das Handy auf dem Tisch liegen lassen, da passiert nichts“, hieß es. Ich gebe es zu: Wir haben es ausprobiert. Es stimmte. Als wir an den Tisch zurückkamen, lag das Handy noch da. „Himmlische Zustände“, dachte ich.

Die U-Bahn allerdings verkehrt nur in der Zeit von 5.30 bis 0 Uhr. Danach ruht der öffentliche Nahverkehr. Taxis fahren noch, aber die sind teuer. So schließen viele Bars und Restaurants pünktlich, damit die Mitarbeiter noch nach Hause kommen können. Andere übernachteten, wenn sie den letzten Zug verpasst haben, schon mal am U-Bahnhof, Schuhe aus, hingelegt und Kopf auf die Aktentasche, erzählten uns die Japan-Kenner. Das aber haben wir dann doch nicht selbst gesehen. Da sind die Zustände in Berlin, wo man auch zu später Stunde noch mit U- oder S-Bahn oder dem Bus durch die Stadt kommt, doch besser.

Noch etwas beeindruckte uns bei unseren Touren durch Tokio: Es ist sauber. Überall. Keine leeren Coffee-to-Go-Becher, keine alten Mülltüten, kein Hundedreck, keine Zigarettenkippen. „Es gehört sich nicht“, lautete die Erklärung. Meinen Gedanken kennen Sie.

Drei Tage lang war die IHK-Delegation und der Regierende Bürgermeister Müller (SPD) in Tokio unterwegs. Die IHK und die Wirtschaftsförderorganisation „Berlin Partner“ brachten Unternehmer mit japanischen Gesprächspartner zusammen – als Türöffner im klassischen Sinne. Wir lernten, dass man die Kontakte persönlich aufbauen und anschließend pflegen muss – und dann besteht vielleicht eine Chance auf ein Investment. „Man braucht in Japan den langen Atem“, hieß es. „Und Geduld.“ Nicht die schlechtesten Eigenschaften. Dachte ich.