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Peinlicher als der BER: Chillen an der Hauptverkehrsstraße

Jetzt stehen die Parklets auch an der Schönhauser Allee, in Kreuzberg sollen sie weg. Zum Kopfschütteln, meint Christine Richter.

Die Grünen begreifen die Parklets nur als ersten Schritt auf dem Weg, die gesamte Schönhauser Allee für den Autoverkehr zu sperren.

Foto: Thomas Schubert/Reto Klar/Montage: BM

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Berlin. Wollen Sie wissen, warum so viele Menschen über Berlin den Kopf schütteln? Dann, wenn Sie mit ihnen reden – nein, nicht über den BER, sondern über die sogenannten Parklets. Das sind diese Sitzmöbel aus Holz, die auf der Straße, neben dem Bürgersteig aufgebaut werden, damit Menschen sich dort niederlassen können, um miteinander ins Gespräch zu kommen oder einfach nur eine Pause zu machen. Chillen nennt man das.

Kosten pro Parklet: Zwischen 35.000 und 50.000 Euro – je nachdem, wie es ausfällt. Solche Parklets stehen schon auf der Bergmannstraße in Kreuzberg, seit Kurzem auch an der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg. In Prenzlauer Berg, Sie werden sich erinnern, ist das Projekt zunächst schiefgegangen, weil das Holz in den Fahrradweg hineinragte und die Radfahrer gefährdete. Dann wurde das Parklet vor den Schönhauser Allee Arcaden um 50 Zentimeter gekürzt – und wird seitdem als Abstellplatz für Fahrräder genutzt.

"Als würde sich jemand an eine völlig verpestete Straße setzen"

Seit Kurzem steht nun aber ein weiteres Sitzmöbel an der Ecke Schönhauser Allee und Gneiststraße. Und sorgt in den sozialen Netzwerken für ziemlichen Wirbel: „Es ist mir egal, welcher Politiker oder welche Partei das zu verantworten hat, aber der Zuständige für diese unnötige Steuerverschwendung am Bürger vorbei, sollte öffentlich auf dem Alexanderplatz ausgepeitscht werden. Als würde sich in Prenzlauer Berg irgendjemand zur Erholung an eine völlig verpestete und stark befahrene Straße setzen. Und das nur 50 Meter Luftlinie vom Mauerpark entfernt“, schimpfte eine Nutzerin.

Mehr als 700 Menschen lasen das, fast 300 gaben dazu einen Kommentar ab. Die meisten waren sich einig, dass das ein Schildbürgerstreich sei und nur das Geld der Steuerzahler verschwendet werde. Und einige, die die Sache schon von der Kreuzberger Bergmannstraße kannten, beschrieben, wie es wohl weitergehen wird: Im Sommer würden dann die Anwohner jammern, weil es durch diejenigen, die sich in dem Parklet niederlassen, Alkohol trinken und feiern, viel zu laut werde.

Mehrheit votierte für das vorzeitige Ende der Begegnungszone

In Kreuzberg gab es nämlich mächtig Beschwerden über die Parklets. Diese wurden vollgemüllt, und keiner kümmerte sich um die Sauberkeit, abends und in den Nachtstunden wurde es im Sommer dort häufig laut. Die Bezirkspolitiker haben deshalb ja auch kürzlich beschlossen, dass die Erprobungsphase der Begegnungszone Bergmannstraße schon Ende Juli dieses Jahres beendet werden soll. Damit würden auch die Parklets verschwinden.

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Das gefällt dem Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Florian Schmidt (Grüne), gar nicht, er will die Testphase bis November laufen lassen – und dann noch einmal die Meinung der Anwohner abfragen. Ich sage jetzt nichts über das Demokratieverständnis der Grünen. Der Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) jedenfalls war eindeutig – eine Mehrheit aus SPD, Linken und CDU votierte für das vorzeitige Ende der Begegnungszone.

In Pankow schert man sich um diese Erfahrungen wenig. Auch nicht um die wahrlich berechtigte Frage, wer denn dort verweilen soll. Die Grünen begreifen die Parklets nur als ersten Schritt auf dem Weg, die gesamte Schönhauser Allee für den Autoverkehr zu sperren oder dort nur noch Lieferverkehr zuzulassen. Da ist es egal, wie viel diese Dinger kosten, dass sie jetzt wohl nur als Müllabladeplatz genutzt werden.

Deal im Kosmosviertel: Gut für die Mieter, schlecht für die Steuerzahler

Aber zugegeben: Die Parklets sind nur eine Kleinigkeit im Vergleich zu der Entscheidung, die in dieser Woche bekannt wurde. Für rund 250 Millionen Euro, so hieß es im Abgeordnetenhaus, hat das Land Berlin – über die städtische Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land – Plattenbauwohnungen im Kosmosviertel in Treptow zurückgekauft. 250 Millionen Euro – mir wird immer noch schwindelig angesichts dieser Zahl.

Für 1800 Wohnungen, in denen jetzt auch noch viel gemacht werden muss. Dieser Deal ist einmal mehr gut für die Mieter, die dort schon eine Wohnung haben. Und schlecht für die Steuerzahler, für Wohnungssuchende und Neuberliner. Also schlecht für alle anderen.

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