Meine Woche

Warum ich mich vor Weihnachten auf die Post freue

Weihnachtsgrüße auf Postkarten sind für Christine Richter die beste Einstimmung auf das Fest. Was sie Berlins Politikern wünscht.

Foto: Reto Klar/picture alliance/BM Montage

Berlin. Der Kollege war sich ganz sicher: „Wir brauchen noch einen Text über den Tod der Weihnachtskarte.“ Sagte er, als wir die Morgenpost-Ausgaben und Online-Texte für Weihnachten planten. Er habe bislang kaum eine bekommen, berichtete er. „Oha“, dachte ich. Und: „Wie schade.“ Hat die Digitalisierung also auch diesen Bereich ergriffen. Ich bin wahrlich kein Feind der digitalen Welt, im Gegenteil, ich stecke voll drin und mache (fast) alles mit – ich nutze die sozialen Medien intensiv, buche meine Reisen immer online, war schon lange in keinem Fotogeschäft mehr, schaue morgens als Erstes auf mein Smartphone, weiß gar nicht mehr, wie ich früher ohne WhatsApp kommuniziert habe ... Sie kennen das sicher. Aber eines bin ich auch immer noch: eine begeisterte Kartenschreiberin.

Im Urlaub, auch bei Kurzreisen, erst recht an Weihnachten. Ich schreibe viele Karten, gerne. Und ich freue mich über die persönlichen Grüße. Das sollte nun vorbei sein? Nun, der Kollege hatte – zum Glück – nicht recht. Ich habe in den vergangenen Tagen so viel Post bekommen, dass ich wahrlich gestaunt habe. Der Briefträger hatte eine Menge zu tun. Natürlich waren auch ein paar Weihnachtskarten – gerade von Beratern – darunter, ohne persönliche Unterschrift, die sich offensichtlich nur in Erinnerung bringen wollten. Auf solche Post kann ich gut verzichten. Aber über all die persönlichen Grüße, die ehrlichen Wünsche und die wohlüberlegten Gedanken zum letzten Jahr und zum diesjährigen Weihnachtsfest habe ich mich sehr gefreut. Was für eine schöne, ganz analoge Tradition. Was für eine schöne Einstimmung auf die Weihnachtszeit.

In diesem Jahr können viele Menschen Weihnachten ja ein bisschen länger feiern, da der Heiligabend auf einen Montag fällt – und viele an diesem Wochenende schon frei haben und unterwegs zu ihren Familien sind. Zeit, um zur Ruhe zu kommen. Zeit, um mal auszuschlafen und nichts tun zu müssen. Zeit auch, so hoffe ich, um zur Besinnung zu kommen.

Ramona Pop macht Selfies von sich un der U-Bahn

Auch unsere Berliner Politiker. Ich wünsche mir schon, dass der eine oder die andere mal darüber nachdenkt, was sie in den vergangenen Monaten in Berlin so getan hat. In der vergangenen Woche gab es dafür gute – oder soll ich sagen: schlimme – Beispiele. Am Montag, als die S-Bahn aus mehreren Gründen (herrenloser Gegenstand am Ostkreuz, liegen gebliebener Zug am Bellevue) mal wieder im Chaos versank, als die U-Bahnen dementsprechend noch überfüllter waren als sowieso schon, besuchten Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) und die Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), Sigrid Nikutta, eine U-Bahn-Werkstatt. Pop machte Selfies von sich und einer U-Bahn, twitterte dies und andere Fotos von sich – ein PR-Termin.

Dumm nur, dass die Berliner sich zeitgleich in den U-Bahnen quetschten und erfahren mussten, dass ab 4. Januar die beiden wichtigen U-Bahnlinien U3 und U2 wegen Bauarbeiten bis Ende Februar unterbrochen werden. Schienenersatzverkehr werde nicht eingerichtet, hieß es. Weil die Busse in der City West im Stau stünden. Was sogar stimmt, weil bis in den Januar hinein ja auch noch die Straßensperrungen rund um den Breitscheidplatz gelten und rund um den Wittenbergplatz ebenfalls gebaut wird.

Auch Berlins Regierender Bürgermeister erfuhr von den massiven U-Bahn-Unterbrechungen, die für viele Menschen lange Umwege bedeuten, aus der Zeitung. Er war „not amused“ und wollte von Verkehrssenatorin Günther und Pop – die ja Aufsichtsratsvorsitzende der BVG ist – wissen, warum es keinen Ersatzverkehr gebe. Auch Günther gestand, dass sie ganz kurzfristig von den Bauarbeiten erfahren habe. Und weil zeitgleich auch im Süden Berlins die U7 wegen Bauarbeiten nicht fahren kann, werden die Busse dort gebraucht. Die Frage, warum das alles nicht koordiniert wird, wage ich schon gar nicht mehr zu stellen. Oder anders: erst wieder im neuen Jahr.

Jetzt ist erst einmal Zeit, Weihnachten zu feiern. Besinnliche.

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