Meine Woche

Warum sich der Kultursenator schämen sollte

Der Leiter der Stasi-Opfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen kämpft um sein Recht – wohl vergeblich, befürchtet Christine Richter.

Der Stiftungsrat hat der Gedenkstätte Hohenschönhausen einen schweren Schaden zugefügt, sagt Christine Richter

Der Stiftungsrat hat der Gedenkstätte Hohenschönhausen einen schweren Schaden zugefügt, sagt Christine Richter

Foto: picture-alliance/Reto Klar

Berlin. Es war eine bizarre Woche: Am Montag wollte der von seinem Amt freigestellte Leiter der Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, seinen Posten wieder einnehmen. Auf Grundlage einer einstweiligen Verfügung des Berliner Landgerichts vom vergangenen Freitag. Knabe, der vom Stiftungsrat der Gedenkstätte im September bis zu seiner geplanten Entlassung im Frühjahr freigestellt worden war, erschien in Hohenschönhausen. Sichtlich angeschlagen.

Von seinen Unterstützern gab es Blumen und aufmunternde Worte, von seinen Widersachern eilte Kultursenator Klaus Lederer (Linke) herbei, um dem Auftritt ein Ende zu machen. Denn übers Wochenende hatte der Stiftungsrat beschlossen, Knabe nun sofort, also fristlos zu feuern. Er stützte sich dabei auf ein bislang immer noch geheim gehaltenes Gutachten von Marianne Birthler, die als Vertrauensperson mit mehr als 40 Mitarbeitern Gespräche geführt haben will. Das Landgericht musste die Situation also neu bewerten – und kassierte das Urteil von Freitag. Knabe musste wieder gehen. Sichtlich getroffen.

Die Sache ist, das gebe ich zu, ein bisschen kompliziert. Aber nicht so komplex, als dass man nicht mit den Beteiligten anständig und fair umgehen könnte. Der Reihe nach: Dem Vizedirektor der Gedenkstätte wird vorgeworfen, Mitarbeiterinnen sexuell belästigt zu haben. Das gibt dessen Anwalt inzwischen auch zu. Knabe wird der Vorwurf sexueller Belästigung nicht gemacht. Ihm wird vorgeworfen, er habe seinen Stellvertreter gewähren lassen, seine Mitarbeiterinnen nicht geschützt, er habe die Zustände geduldet und durch seinen Führungsstil sogar befördert. Der Stiftungsrat – in dem unter anderem Lederer, eine Vertreterin von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und aus Brandenburg der CDU-Abgeordnete Dieter Dombrowski, ein Stasiopfer, vertreten sind – entließ, als die Vorwürfe gegen den Vizedirektor bekannt wurden, nicht nur diesen, sondern gleich auch noch Knabe.

In Berlin und auch im Bund schlägt der Fall Knabe inzwischen hohe Wellen. Viele CDU-Bundestagsabgeordnete, angeführt vom sächsischen Abgeordneten Arnold Vaatz, sind empört über den Umgang mit Knabe, der in den vergangenen 18 Jahren für die Stasiopfer gekämpft hat, die Gedenkstätte aufgebaut und keinem Konflikt aus dem Weg gegangen ist. In der Unions-Bundestagsfraktion wurde das Thema jetzt auch heftig diskutiert, zehn Wortmeldungen gab es – was bei einem Thema, das gar nicht explizit auf der Tagesordnung stand, schon ungewöhnlich ist. Nun soll, so der neue Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus, der Fall Knabe nochmals in Anwesenheit von Grütters besprochen werden. Sie fehlte wegen eines Auslandsaufenthalts.

Auch in der CDU-Fraktion in Berlin ging es zum wiederholten Male hoch her. Dort ärgert man sich, wie Grütters mit Knabe umgeht. Man ärgert sich, dass sie gesagt habe, sie sei in dem Fall „eng abgestimmt mit Klaus Lederer“. „Sie soll sich nicht mit den Linken abstimmen, sondern mit uns“, sagte ein CDU-Abgeordneter. Auch die Berliner CDU-Fraktion will jetzt persönlich von Grütters Auskunft – und hat jede Menge Fragen.

Der Stiftungsrat, so viel steht für mich fest, hat in diesem Fall nicht nur Knabe um sein Lebenswerk gebracht, ja, seine berufliche Existenz vernichtet, sondern auch der Gedenkstätte einen schweren Schaden zugefügt. Wenn man Knabe jetzt vorwirft, er habe durch seinen Gang vor Gericht selbst zur Eskalation beigetragen, so frage ich mich, wie verquer muss man denken. Was sollte Knabe nach seinem Rauswurf denn tun? Diesen einfach hinnehmen? Es ist sein gutes Recht, sich gerichtlich gegen die Entlassung zu wehren. Wie das eines jeden Arbeitnehmers übrigens.

Ich befürchte, dass, egal wie die Gerichte noch entscheiden werden, der Stiftungsrat, allen voran Kultursenator Lederer, sein Ziel, Knabe loszuwerden, erreicht hat. Denn das muss man nach dieser Woche feststellen: Das Vertrauensverhältnis zwischen dem Stiftungsrat und Knabe ist zerrüttet. Die Verantwortung dafür trägt nicht Hubertus Knabe.

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