Meine Woche

Umbenennung? Hände weg vom Großen Stern!

Die Berliner CDU will den Platz nach Helmut Kohl benennen. Das ist der falsche Vorschlag, meint Christine Richter.

Foto: Reto Klar/picture alliance/BM Montage

Der Fraktionsvorsitzende der Berliner CDU, Burkard Dregger, kann sich so richtig empören: Über die Tatsache, dass am vergangenen Mittwoch beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit ein Film gezeigt wurde, in dem zwar Hans Modrow – der letzte Vorsitzende des Ministerrats und damit der letzte Regierungschef der DDR – zu Wort kam, aber nicht Helmut Kohl, der Kanzler der Einheit. Den Film hatte die Berliner Senatskanzlei in Auftrag gegeben. Dass Kohl nicht gewürdigt wurde, „ist geschichtslos und erbärmlich“, schimpfte Dregger öffentlich. Und: „Wir dürfen es Müller und seiner Linkskoalition nicht durchgehen lassen, durch diese peinliche Auslassung unsere Geschichte womöglich umdeuten zu wollen.“ Da war jemand offensichtlich so richtig sauer.

Die CDU, klar, will es besser machen – und schlug deshalb, ebenfalls am Tag der Deutschen Einheit, vor, einen Platz in Berlin nach Helmut Kohl zu benennen: den Großen Stern in Tiergarten, den Platz rund um die Siegessäule. Der wichtige Kreuzungspunkt liege in unmittelbarer Nähe zum Regierungsviertel, an „dem die Straße des 17. Juni und Unter den Linden als wichtige Ost-West-Achse beide Stadthälften verbindet“, und, so Dregger, „an denen der Freiheits- und Einheitswille der Deutschen in besonderer Weise sichtbar geworden ist“.

Geht’s nicht auch ein bisschen kleiner, würde ich am liebsten der Berliner CDU zurufen. Muss es gleich einer der prägnantesten Orte in der Stadt sein? Der Ort mit der Siegessäule, die an die Einigungskriege unter anderem gegen Frankreich erinnert? Das ist nicht der richtige Platz für eine Ehrung des Kanzlers der Einheit.

Helmut Kohl verdient eine Würdigung im Straßenbild

Helmut Kohl, da bin ich mir sicherlich mit vielen einig, verdient eine Würdigung im Berliner Straßenbild. Kohl trat immer für die deutsche Einheit ein, als führende Sozialdemokraten schon öffentlich für zwei auf Dauer getrennte Staaten plädierten. Er glaubte an ein vereintes Deutschland, er war es, der nach dem Mauerfall schnell einen Zehn-Punkte-Plan vorlegte, der heute als Grundlage für die Wiedervereinigung gelten kann; der als Bundeskanzler in Frankreich bei François Mitterrand, in Großbritannien bei Margaret Thatcher, in den USA bei George Bush und in der Sowjetunion bei Michail Gorbatschow für die Wiedervereinigung warb, Vertrauen herstellte und erreichte, dass die Welt der Vereinigung zu einem deutschen Staat nur elf Monate nach dem Mauerfall zustimmte. Das war eine große staatsmännische Leistung.

Und das ist auch der Grund, warum Helmut Kohl, der gern auch privat Zeit in Berlin verbrachte, schon zum Ehrenbürger Berlins ernannt wurde. Noch zu Lebzeiten, im Jahr 1992. Nun, ein Jahr nach seinem Tod, kann man sich Gedanken machen, ob man auch einen Platz oder eine Straße nach ihm benennen will. Aber es gibt keinen Grund zur Eile – normalerweise gilt eine Fünf-Jahres-Frist nach dem Tod eines Menschen, bis man einem Ort seinen Namen geben kann. Zeit, die man zum Nachdenken nutzen sollte.

Ein bisschen mehr Gelassenheit bei Umbenennungen

Ich befürchte nur, dass die Berliner CDU mit ihrem Vorschlag erst einmal wieder das Gegenteil bewirkt hat. Wenn man mit der Idee, den Großen Stern umzubenennen, provozieren und es in die Medien schaffen wollte, dann ist das gelungen. Wenn man allerdings eine Debatte führen wollte, in der es wirklich um Helmut Kohl und seine politischen Leistungen geht, so hat man ihm keinen Gefallen getan. Der Große Stern, da bin ich mir sicher, wird keinen neuen Namen bekommen. Das ist auch richtig so.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich vermisse bei fast allen Diskussionen über Straßennamen die Sensibilität und oft auch das historische Fingerspitzengefühl. Selbstverständlich wollten wir in Berlin keine Adolf-Hitler-Straße, auch keinen Erich-Honecker-Platz oder eine Stalinallee haben. Aber müssen wir mit dem Wissen und der „political correctness“ von heute wirklich alle Namen tilgen? Die ganze Umbenennerei im Afrikanischen Viertel geht mir jedenfalls zu weit. Auch die Diskussion über die Mohrenstraße und den U-Bahnhof Mohrenstraße kann ich nicht nachvollziehen. Ein bisschen mehr Gelassenheit, gerade in diesen aufgeregten politischen Tagen, die würde Berlin ganz guttun.

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