Meine Woche

Berlin braucht keine neue Mauer

Das Kunstprojekt rund um das Kronprinzenpalais wird vielleicht ein Spektakel, mehr aber auch nicht, meint Christine Richter.

Die Mauer soll vor dem Kronprinzenpalais verlaufen

Die Mauer soll vor dem Kronprinzenpalais verlaufen

Foto: Reto Klar, Maurizio Gambarini, pa/imageBROKER/Ch. Reister; Montage BM

Berlin. Erinnern Sie sich noch? Vor 29 Jahren, da teilte die Mauer noch Berlin in Ost und West, ganz Deutschland in zwei Hälften. Im Sommer vor 29 Jahren, damals im Juli und August 1989, flohen schon Tausende Menschen aus der DDR – über Ungarn in den freien Westen. Allein im August 1989 wurden mehr als 20.000 DDR-Flüchtlinge gezählt, rund 12.000 hatten in diesem Monat die DDR mit Genehmigung verlassen dürfen. Staunend verfolgten wir, was in der DDR passierte – mit dem Fall der Mauer rechnete im Sommer 1989 noch niemand.

Für mich waren das unvergessliche Monate. Meine Familie war eine, die im Osten und im Westen lebte. Mein Vater war Ende der 50er-Jahre aus Dresden nach Hessen geflohen, kurz vor dem Bau der Mauer, als man schon nur noch mit Genehmigung ausreisen durfte. Fünf seiner sechs Geschwister blieben in der DDR, wir besuchten sie jedes Jahr, häufig mehrmals jährlich, wir machten gemeinsam Urlaub in der ČSSR, wie Tschechien damals hieß.

Ich erinnere mich an wunderbare Familientreffen und vertraute Gespräche, gemeinsam trafen wir uns, als wir größer waren, in Ost-Berlin, um Partys zu feiern und „Rockpalast“ zu schauen, denn in Dresden, im „Tal der Ahnungslosen“, konnte man ja kein Westfernsehen empfangen. Und ich erinnere mich an die vielen tränenreichen Abschiede, wenn wir wieder abfuhren, wir aus dem Westen, unsere Tanten und Onkel, unsere Cousinen und Cousins, die lieb gewonnenen Freunde aber zurückbleiben mussten – und wir nie sagen konnten: „Das nächste Mal sehen wir uns bei uns.“ So viele Tränen.

Die Narbe der Stadt: Wandern Sie mit uns auf dem Mauerweg

Und so viele Freudentränen, als dann, am 9. November 1989, die Mauer fiel. Als endlich alles möglich war – die wechselseitigen Besuche, Reisen, Ausbildung und Hochschulstudium, freie Wahlen, Pressefreiheit, das Engagement in Parteien oder Bürgerinitiativen. Ein bisschen staune ich immer noch, dass das alles schon 29 Jahre her ist – und wir im nächsten Jahr 30 Jahre Mauerfall feiern. Und ich gebe es zu – für mich ist der 3. Oktober bis heute ein ganz besonderer Feiertag, an dem ich gerne WhatsApp-Nachrichten verschicke und meiner Familie und Freunden zu unserem Tag, zum Tag der Deutschen Einheit gratuliere. Nennen Sie es Sentimentalität.

Umso mehr horchte ich auf, als in den letzten Tagen von Plänen berichtet wurde, in Berlin wieder eine Mauer aufzubauen. Ein Kunstprojekt, hieß es. Streng geheim, hieß es. Inzwischen ist bekannt, dass der russische Regisseur Ilya Khrzhanovsky eine temporäre Mauer in Berlin errichten will – rund um das Kronprinzenpalais Unter den Linden. „Dau“ nennt sich das Projekt, es soll wohl zwischen dem 3. Oktober und 9. November eine Grenze ziehen zwischen dem heutigen Berlin und einem fiktiven totalitären System, das innerhalb der Mauer herrschen soll.

Mehr weiß man noch nicht, angeblich sollen in Kürze Einzelheiten bekannt gegeben werden. Und angeblich finden Michael Müller (SPD), unser Regierender Bürgermeister, und Monika Grütters (CDU), unsere Kulturstaatsministerin, das Projekt gut. Aber warum dann diese Heimlichtuerei? Warum mussten Menschen, denen die Mauer-Kunst vorgestellt wurde, offensichtlich Verschwiegenheitserklärungen unterschreiben? Warum wurde nicht schon vorgestellt, wer sich hinter „Dau“ verbirgt, wer das alles finanziert und vor allem, was das alles soll?

Ich lasse mich ja gerne überraschen – gerade auch in der Kunst. Aber mit diesem Projekt habe ich so meine Schwierigkeiten. Was soll eine Mauer an einem Ort, wo sie nie stand? Will man wirklich innerhalb dieser Kunst-Mauer ein totalitäres System nachspielen? Das klingt doch eher nach Disney-Park – und veralbert das, was wirklich an der Mauer, an der DDR-Grenze geschah, auf unerträgliche Weise. An der Mauer starben Hunderte Menschen, die nur ihre Freiheit wollten. Ihrer kann man gedenken, jedes Jahr, am Tag des Mauerbaus am 13. August, an ihren Todestagen oder auch am Tag des Mauerfalls, am 9. November. Neue Mauern, womöglich sogar realisiert mithilfe russischer Geldgeber, braucht Berlin dagegen nicht.

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