Geschichten aus Zoo und Tierpark

Vertrauliche Gespräche unter vier Katzenaugen

Katzen sind für gewöhnlich Einzelgänger. Nicht so allerding die zwei Nordchinesischen Leoparden im Berliner Tierpark. Diese Samtpfoten sprechen sich auf Schritt und Tritt ab - im wahrsten Sinne des Wortes.

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Die zwei Nordchinesischen Leoparden Noomi und Benni sprechen sich auf Schritt und Tritt ab - im wahrsten Sinne des Wortes. Zooreporterin Tanja Laninger hat sie im Berliner Tierpark besucht.

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GZSZ – was macht man da, außer zu schauspielern? Man hält zusammen, sagen verheiratete Menschen, in guten wie in schlechten Zeiten. Im Tierpark gibt es keinen Traualter, aber ähnlich enge Verbundenheit – ausgerechnet bei ansonsten freiheitsliebenden Einzelgängern wie dem Leoparden. Noomi und Benni kümmern sich seit Jahren rührend umeinander. Die beiden sind Nordchinesische Leoparden, eine Unterart des Leoparden, die bedroht ist und über deren Bestand in freier Wildbahn im zentralen und nördlichen China keine Schätzungen vorliegen.

Der hochbetagte Benni, mit 19 Jahren fast ein Methusalem – also uralt –, war vor einiger Zeit schwer krank. In freier Natur wäre das ein Todesurteil. Im Tierpark nicht. Benni wird gefüttert und medizinisch betreut. Und seine zwölfjährige „Frau“ macht ihm Feuer unterm Hintern. Von wegen stöhnen und matt herumliegen – Noomi trieb Benni zur Bewegung an, scheuchte ihn von einer Ecke in die andere – wie eine Gattin, die den Reha-Plan ihres Mannes kontrolliert. Eigentlich sollte Benni abends im Innengehege bleiben und Noomi wie üblich im Außengehege schlafen. Schließlich entwickeln diese Leoparden – anders als die tropischen Unterarten – ein Winterfell, weil es in den chinesischen Nadel- und Laubwäldern, empfindlich kalt wird und Schnee fällt. „Doch Noomi wollte Benni nicht alleine lassen“, sagt Angelika Berkling. Wenn die Tierpflegerin ihre Schlussrunde machte, hörte sie schon von weitem Gebrummel zwischen den beiden Großkatzen. „Sie sprachen sich ab. Stand ich an ihrem Gehege, hatten sie sich versteckt. Mal hinter einem Baumstamm mal im Gang.“

Katzen, die sich absprechen – das geht? Ja, sagt Berkling. Sie dürfte es wissen, als Tierpflegerin hat sie tagaus, tagein mit den beiden zu tun. Während der Aufnahmen für diese Kolumne wollte Noomi nicht ins Außengehege. Benni scharte draußen mit den Pfoten und brummte permanent. „Er will sie überreden, nach draußen zu kommen, sagt Berkling, „die beiden sind das redefreudigste Paar unter unseren Großkatzen“.

Seit dem 7. Januar haben sie zusätzlichen Gesprächsstoff: ihre Tochter Nehama (Hebräisch für Lust). Sie ist die erste Nachzucht eines China-Leoparden im Tierpark nach vier Jahren Pause – gute Zeiten also. Der kleine Leopard ist kein schwarzer wie Chandar aus dem Disney-Film (1972), sondern trägt braun-schwarze Rosetten auf gelbem Fell, das so golden schimmert wie die begehrte Trophäe des Filmfestivals von Locarno. Die Stadt liegt in der Schweiz. Doch zurück in den Tierpark: Benni war anfangs von seiner Familie aus Sicherheitsgründen getrennt worden, ist aber wieder im Spiel. „Normalerweise sind Leoparden Einzelgänger und die Weibchen ziehen ihren Nachwuchs alleine auf. Aber Benni ist gutmütig“, sagt Tierpark-Kurator Christian Kern. Nehama hat – wie einst Steffi Graf – in ihrem Vater einen Privat-Trainer. In freier Wildbahn können Leoparden stundenlang verharren – Ansitzjagd heißt das auch bei deutschen Jägern –, bis ein passendes Beutetier vorbeizieht, das sie größenmäßig bewältigen können. Damit Tiger ihnen die Beute nicht abnehmen, – einstmals sollen sogar Früh-Menschen solchen Beuteklau begannen haben – hängen Leoparden ihre gerissenen Beutetiere wie Hirsche oder junge Wildscheine über einen Baum. Für Katzen kein Problem, sie sind gute Kletterer. Leoparden können sogar rückwärts einen Stamm hinunterklettern.

Nehama übt an Papi, knurrt ihn an und springt auf ihm herum. Wird es Benni zu bunt, drückt er sie mit einem Hinterbein in die Käfigecke und lässt sie zappeln. Mutter Noomi tut, was schlaue Mütter machen: Sie lässt die zwei alleine und ruht sich aus. Noch trinkt Tochter Nehama täglich ein bisschen Milch bei ihr. „Schmeckt gut und ist bequem“, sagt Berkling. Außer an Milchbar Mutti genuckelt wird Rindfleisch gefuttert.

Wasser ist kein Thema. Anders als Tiger oder Jaguare gehen Leoparden ungern baden, entpuppen sich zur Not aber als geschmeidige Schwimmer. Sie hören gut, sie riechen eine Menge, sie sehen scharf und das mittels ihres Tapetum lucidum – einer reflektierenden Gewebeschicht hinter der Netzhaut – sogar nachts.

Europäische Zoos haben im Jahr 2007 ein Erhaltungszuchtprogramm (EEP) eingerichtet, das vom Tierpark Hagenbeck koordiniert. „Seitdem geht es kontinuierlich mit dieser Leoparden-Unterart bergauf“, sagt Kern, „inzwischen leben rund 50 Exemplare dieser Leoparden in etwa 20 Einrichtungen“.

Weitere Kolumnen von Tanja Laninger: unter www.morgenpost.de/tierfamilie