Geschichten aus Zoo und Tierpark

Ein Waisenkind mit Lieblingsstofftier

Flughunde auf dem Boden sind so ungewöhnlich wie Frösche im Himmel. Sie sind die einzigen Säugetiere, die fliegen können. In den Wochen und Monaten nach der Geburt trägt die Mutter ihr Jungtier immer mit sich herum, ob sie kopfüber an einem Ast hängt oder mit breiten Schwingen von Wipfel zu Wipfel fliegt.

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Zooreporterin Tanja Laninger war bei den Flughunden im Berliner Tierpark und hat dort nicht nur ein Waisenkind besucht.

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Sie nährt es. Sie wärmt es. Sie schützt es. Ohne ihre Hilfe wäre es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis der kleine Flughund, der Anfang Juni 2011 wie ein Häufchen Elend auf dem Boden der Tropenhalle im Alfred-Brehm-Haus im Tierpark lag, das Zeitliche gesegnet hätte. Doch es gibt ja Jenny Ballentin. Die Tierpflegerin hat den Nachwuchs gefunden und "adoptiert", nachdem der zuständige Tierarzt Andreas Pauly sein Einverständnis für eine Handaufzucht gegeben hatte. Seitdem hat der Flughund zwei Zuhause: Tagsüber lebt er im Tierpark hinter den Kulissen, nachts bei Jenny Ballentin. Aber, egal wo er gerade ist: Meistens schläft er in einem mit Handtüchern und Stofftier Oskar ausgepolsterten Eimer. "Der Flughund soll sich nicht an den menschlichen Köper gewöhnen", erklärt Pauly. So klammert er sich an eine weiße Ente mit gelbem Schnabel und fluffigem Kunstfell als wäre es die Mama. Alle drei bis vier Stunden nähert sich eine Pipette der schmalen Schnauze, gefüllt mit Nektarlösung oder Kondensmilch mit Vitaminen.

Jenny Ballentin schläft seit Anfang Juni nicht mehr durch, weil der Nachwuchs ständig schreit. Laut schreit. Anders als Fledermäuse kommunizieren Flughunde nicht per Ultraschall zur Echoortung - was ein Mensch nicht hören kann -, sondern im Frequenzbereich schrillster Töne. Ballentin aber hört darüber mit Hingabe weg. Hauptsache, das Tier kommt durch.

An dem Tag, als Ballentin den Kleinen fand, könnte er zwei Wochen alt gewesen sein. Es ist ein Indischer Flughund, eine von vier Arten, die im Tierpark zu sehen sind. Fledermäuse sind in Zoos selten. "Man muss ihnen immer frisches Blut anbieten", erklärt Pauly. Kein Wunder, dass Dracula sich in eine Fledermaus verwandeln kann - aber nicht in einen Flughund. Das sind nämlich Vegetarier. Der Fairness halber muss man hinzufügen, dass nicht alle Fledermäuse Blutsauger sind, sondern nur die Vampire. "Viele Fledermäuse fressen Insekten. Es gibt aber auch Arten, die sich von Nektar oder Fischen ernähren", sagt Pauly.

Warum der Berliner Flughund stürzte, weiß keiner. Auch seine Mutter ist unbekannt. In der Brehm-Halle leben Flughunde seit 1963. Es könnten derzeit 40 Tiere sein. Wie gesagt: könnten. "Sie halten nicht still, sondern fliegen herum", sagt Pauly. Wie soll man sie da zählen? Ebenso wenig ist bekannt, wie viele Männchen und Weibchen es sind. Doch das soll sich noch in diesem Sommer ändern: Die Tropenhalle wird für 3,3 Millionen Euro neu gestaltet. Geplant ist eine Art Wipfelpfad: Wer sich darauf in die Höhe wagt, sieht sich Aug in Aug mit den Flughunden. Die Idee gehört zum Masterplan der Zoo-Geschäftsführer und Aufsichtsratschef Frank Bruckmann, mit dem der Tierpark modernisiert werden soll.

Bevor die Bauarbeiter kommen, müssen die Flughunde umziehen. Doch wie fängt man sie ein? Mit Papaya und Banane, Kiwi und Weintraube, einer Falle sinnlicher Art. "Wir werden das Futter nicht mehr in Bäumen aufhängen, sondern auf den Boden legen, und die Tiere mit Käschern einfangen, wenn sie sich zum Fressen setzen", sagt Pauly. Danach kommen sie in ein Übergangsdomizil auf den Dachboden der Tierklinik. "Dort können sie fliegen; wir haben bereits Deckengitter bestellt, an die sie sich hängen können." Käfighaltung steht außer Frage. Flughunde würden heftig flattern und sich die Flugmembran irreparabel verletzen.

Schon der Jüngste schlägt um sich, sobald Jenny Ballentin ihn an einen Finger hängt. Noch misst die Spannbreite nur 45 Zentimeter. In einigen Monaten wird es das Dreifache sein. Indische Flughunde messen ausgewachsen bis zu 1,5 Meter. Nur Malaiische Flughunde sind "größer".

Weitere Kolumnen von Tanja Laninger: unter www.morgenpost.de/tierfamilie