Geschichten aus Zoo und Tierpark

Die Nixe Nummer 1 im Zoo heißt Elena

Sie bellen, sie schnüffeln und sie springen schneller ins Wasser, als man „plumps" sagen kann. Keine Hunde, sondern Wasserschweine, auch Capybaras genannt.

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Im Berliner Zoo wurden erstmals seit zehn Jahren wieder Wasserschweine geboren. Zooreporterin Tanja Laninger war bei den Tieren, die mit Schweinen so viel gemein haben wie Kermit, der Frosch, mit Miss Piggy.

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Die Nixe Nummer 1 im Berliner Zoo heißt Elena. „Das ist der Name eines Flusses in Südamerika, dem natürlichen Verbreitungsgebiet der Tiere“, sagt Reviertierpfleger Christian Möller. Elena stammt nicht von dort, die Einjährige ist eine Handaufzucht aus dem Zoo Köln. Und eine junge Mutter. Vor wenigen Tagen hat Elena Zwillinge zur Welt gebracht – der erste Wurf im Berliner Zoo seit dem Jahr 2000. Mitten auf der Insel, einem besenkammergroßem Erdflecken im Kunstteich auf dem Erweiterungsgelände im Zoo.

Möller hat den beiden Mädchen sogar eine Brücke gebaut, damit sie nicht sofort baden gehen. Das Trio dankt seine Obacht mit Zutraulichkeit. Der Nachwuchs schnüffelt schon in seine Richtung. Wenn Möller die Mutter krault, geht sie in die Knie, macht es sich auf dem Boden gemütlich und ihr langes, borstiges Fell stellt sich auf. Ein Ausdruck für: „Mir geht es saugut“ oder „angenehm“, wie es das Wasserschwein im „Kulleraugen“-Comic des Ungarn István Lakatos formuliert. Kullerauge („Lencsilány“) darf sogar auf dem Wasserschwein reiten. Sie ist ein kleines, leichtes Mädchen. Möller ist das nicht, und im Zoo sind Ponyhof-Allüren sowieso tabu.

Bei dem vierjährigen Herdenboss Felipe bedeutet gesträubtes Fell das Gegenteil. Der Herr hat Angst und fiept wie ein Teekessel. Höchste Zeit, ihm aus dem Weg zu gehen. Als größte Nagetiere der Welt haben Wasserschweine lange, gerillte Zähne. Die möchte keiner in der Haut stecken haben.

Unangenehm kann auch eine Begegnung mit Lucia werden. Sie stammt wie Para aus dem Zoo Dresden – und ist bissig bemüht, ihren Chefplatz in der Frauenriege zu behaupten. Schließlich hat sie am 25. April 2010 als Erste ihre breiten Füße auf das Zoo-Erweiterungsgelände gesetzt. Erstbesiedlungsrecht quasi!

Felipe soll mit den Mädels für Nachwuchs sorgen, der letzte Wurf liegt zwölf Jahre zurück. Aber die drei Neuzugänge sind zu jung. „Die Weibchen werden erst mit anderthalb Jahren geschlechtsreif“, sagt Möller. Para ist mit zehn Monaten fast noch ein Kind. Damit sie ihre Ruhe hat, darf sie allein auf dem Balkon herumtollen, einem Rasenstück, das zum Stall ausgerichtet ist.

Auf der großen Anlage, die als erste zu sehen ist, wenn man die Brücke über den Landwehrkanal in den Tiergarten überquert, leben die vier Wasserschweine zusammen mit Guanakos, Coscoroba-Schwänen, Darwin-Nandus, Tschajas und Pampashasen. Es gibt dort keine geheimnisvollen Inseln – aber bei Jules Verne, in dessen gleichnamigen Roman auch Capybaras eine Rolle spielen.

Gibt es im Zoo Grund zur Aufregung, – Bauarbeiten, Fluglärm, kreischende Besucher – sind die Wasserschweine fein raus. Ihnen steht der Teich zur Flucht offen. Wasserschweine gleichen Flusspferden darin, dass sie ihre Nasenlöcher und Ohren – die Augen sowieso – verschließen können. Die Sinnesorgane liegen so weit oben am Kopf, dass sie aus dem Wasser herausragen, also noch alle Eindrücke ans Gehirn liefern, wenn der Rest des plumpen Körpers bereits unter Wasser hängt. Nur Felipe hat den Namen Wasserschwein nicht verdient, sagt Möller. „Er ist das reinste Trockenbiotop.“ Der Mann macht sich nicht gerne nass.

Der zweite Teil des Namens ist für alle Wasserschweine falsch: Weder Steckdosennase noch Ringelschwänzchen – mit Schweinen haben die Nager so viel gemein wie Kermit der Frosch mit Piggy. Sie sind außerdem Pflanzenfresser. „Herr der Gräser“ heißt Capybara in der Indianersprache Guaraní. Schon Indios jagten die Tiere: Die Nagezähne dienten als Deko, die Haut macht sich gut als Jacke, Sattel sowie Zaumzeug, und das Fleisch soll so schmackhaft sein, dass eine kommerzielle Zucht versucht wird.

Dabei fressen die Tiere ihren eigenen Kot. Allerdings nur den ersten Aufguss. Das hat, anders als bei einer Teezeremonie, nicht mit Geschmack, sondern Verdauung zu tun. Es handelt sich um zellulosehaltige Nahrung, die erst mit Hilfe von Mikroorganismen im Blinddarm aufgespaltet werden kann. Bei einer zweiten Verdauung können die hierbei gewonnenen Zucker und Proteine vollständig aufgenommen werden. Ein weiteres Mal langen die Tiere nicht bei sich zu. Wer das mit Freunden oder Fremden weiter diskutieren möchte: Das Fremdwort hierfür lautet Koprophagie.