Geschichten aus Zoo und Tierpark

Ein Dickhäuter auf kurzen Beinen

Er ist so frech und unerschrocken wie ein Kobold. Nur kichert der Honigdachs im Berliner Tierpark nicht so hoch wie Hans Clarin als Pumuckl, sondern er keckert blechern, wenn er sich über Besuch freut.

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Tanja Laninger besuchte im Berliner Tierpark Honigdachs Anatol, der Bienenstöcke aufreißt und sogar Gazellen frisst.

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Kurator Christian Kern bringt tote Mäuse und Küken, die Honigdachs Anatol mit seinen langen Grabklauen greift und so problemlos verputzt, als wären es Gummibärchen. Die Tiere machen alles kaputt, was sie in die Klauen bekommen - und sind auch deshalb selten in Zoos zu sehen. Sie fressen alles, was sie erbeuten können, sogar das Jungtier einer Gazelle. Oder giftige Schlangen. Denn einem Honigdachs macht es wenig aus, wenn ein Tier zurück beißt. "Er hat eine bis zu sechs Millimeter dicke Haut, die außerdem nur lose mit dem Unterhautbindegewebe verbunden ist", erklärt Kurator Kern. Man kann ihn nicht so recht packen - außer am Bauch, dort ist die Haut dünn. Und schwarz. Jeder Honigdachs ist farblich clever getarnt. Anders als die meisten Säugetiere ist er unterm Bauch dunkel gefärbt und auf dem Rücken hell, nämlich silbern. Greifvögel irritiert diese "verkehrte Welt". Bis sie ihre Beute identifiziert haben, ist das stämmige kleine Kerlchen schon in einem Bau verschwunden. Davon hat der Einzelgänger mehrere. Honigdachse haben in der Regel in ihrem großen Revier schon aus Bequemlichkeit mehrere Schlafstätten. Ihr Verbreitungsgebiet ist groß: es reicht von Afrika südlich der Sahara über die Arabische Halbinsel bis nach Indien und Zentralasien.

Honigdachse machen ihrem Namen alle Ehre: Sie lieben Honig. Manchmal helfen ihnen kleine Spechtvogel, die Bienen zu finden. Wenn der Honiganzeiger genannte Vogel einen Bienenstock gefunden hat, zeigt er dem Honigdachs zwitschernd den Weg. Der Honigdachs reißt mit seinen Klauen den Stock auf - Stiche steckt er locker weg - und leckt den Honig auf. Derweil frisst der Honiganzeiger die Bienenlarven.

Ein solches Pärchen soll um 1930 herum im Zoo-Berlin gelebt haben. Der damalige Honigdachs - Kern hatte seine Zeichnung in Hecks "Lebendige Bilder aus dem Reich der Tiere" gesehen - hieß Anatol. Um an die Tradition anzuknüpfen, hat Kern seinen Neuzugang vom August 2010, einen Honigdachs aus dem Zoo Prag, Anatol genannt. Nun ist der Kurator auf der Suche nach einem Weibchen für die Zucht. Bis dahin muss er aufpassen, dass Anatol sich nicht ausgräbt und flüchtet. Anatol wandelt durchaus auf Abwegen: Er hat immerhin in Richtung Hauswand eine tiefe Grube gegraben.

Weitere Kolumnen von Tanja Laninger unter: www.morgenpost.de/tierfamilie

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