Geschichten aus Zoo und Tierpark

Wasserwölfe tragen ein Revolvergebiss

Lange Zähne bekommt, wen die Gier packt. Doch selten wachsen sie Menschen aus dem Kopf. Bei Wasserwölfen sieht das anders aus: Ihnen wachsen die Zähne aus dem Unterkiefer bis ins Schädeldach hinein.

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Anders als ihre berüchtigten Verwandten, die Piranhas, jagen Wasserwölfe nicht als Schwarm, sondern einzeln und in kleinen Gruppen. Ihre Fangzähne und ihre vielen kleinen Zähnchen im Maul sind für ihr Opfer tödlich.

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Der Knochen schafft Platz, er bildet geschickt zwei Hohlräume aus. Doch manchmal ist selbst der nicht tief genug, dann durchstoßen die Zähne den Kopf. Max Schreck als Nosferatu sieht dagegen so süß aus wie Sissi.

„Es dürfte sich um die längsten Fangzähne handeln, die ein Tier im Verhältnis zu seiner Körpergröße ausbilden kann“, sagt Marco Hasselmann über die Wasserwölfe, „die Bezeichnung Säbelzahnsalmler kommt nicht von ungefähr“.

Anders als ihre berüchtigten Verwandten, die Piranhas, jagen Wasserwölfe nicht als Schwarm, sondern einzeln und in kleinen Gruppen. Sie lauern ihren Opfern auf. Die Beute darf nicht zu groß sein. „Die Zahnlänge verhindert das Herausreißen von Fleisch, der Wasserwolf kann andere Fische nur im Stück schlucken“, sagt Hasselmann.

Neben und über ihren Fangzähnen tragen die Raubsalmler viele kleine Zähnchen im Maul. Bricht einer ab, klappt der neue von hinten nach vorne, Das nennt man Revolvergebiss, Haie haben auch so was. In der Zeit des Umklappens – dauert ein bis drei Tage – hat der Fisch ein loses Mundwerk, er kann sein Maul nicht schließen. Es schadet nicht, sieht bloß dümmlich aus – wie die Leute, die auf dem Beifahrersitz einschlafen und sabbern.

Wasserwölfe sind ein uraltes Geschlecht. Älteste Funde stammen aus dem Miozän. Damals blieb ein Raubsalmler im Schlamm stecken und somit der Nachwelt erhalten. Das ist mindestens fünf Millionen Jahre her. Damals lebten schon lange keine Dinosaurier mehr – sind vor 65 Millionen Jahren ausgestorben. Immerhin lebte vor 4,4 Millionen Jahren in Äthiopien die Mensch-Affen-Frau Ardi: Sie hatte schon kleine, diamantenförmige Eckzähne – und keine langen, spitzen mehr wie Gorillas oder Wasserwölfe.

Doch zurück dorthin, wo alles begann: ins Wasser. Im Landschaftsbecken Nummer 22 benehmen sich die Wasserwölfe wie Mimosen zwischen den Barschen, Gabelbarten und Piranhas: Sie sind schreckhaft. Fällt Frostfisch vom Himmel, also zur Fütterung montags und donnerstags so gegen 13.30 Uhr –, zum großen Fressen, wenn das Wasser spritzt, tauchen sie ab. Sie schnappen sich später, was übrig blieb.

Ursprünglich leben sie im nördlichen Südamerika, schwimmen im Orinoko und Amazonas, in tropischem Klima. „Nachzuchten gibt es nicht im Handel“, sagt Hasselmann. Er hat die Raubsalmler 2006 von Kai Ahrendt aus Helmstedt bekommen, der sie selbst gefangen und mitgebracht habe. Der Apotheker beobachtet die Fische und schreibt Artikel über ihr Jagdverhalten.

Ob es sich bei den Neu-Berlinern um Weibchen oder Männchen handelt, weiß Hasselmann noch nicht; auch ist ihr Brutverhalten unklar. Bekannt ist, dass sie Knochenfische sind. Ihre Gräten bestehen also Knochen und nicht, wie bei Haien oder Rochen, aus Knorpel. Verspeist werden sie gleichwohl, allerdings nur in Südamerika, nicht in der Zoo-Kantine. Hasselmann kann den Besuchern drei lebende Varianten zeigen: kleine Wasserwölfe, die bis 40 Zentimeter lang werden, mittelgroße und die besagten großen Langzähner im Landschaftsbecken. Sie können noch eine Weile ihre Kreise ziehen. Hasselmann schätzt ihr Alter auf vier Jahre. Mindestens 20 Jahre alt können sie werden – und ihre Zähne länger als ein Mittelfinger.