Geschichten aus Zoo und Tierpark

Hirscheber - Wenn Zähne lebenslang wachsen

Es blutet nicht. Jedenfalls nicht gleich, wenn überhaupt, dann drei Jahre später. Die Rede ist vom Wachstum der Hauer bei Hirschebern, jenen zwei Eckzähnen, die nach oben wachsen. Pausenlos, ein Leben lang. Da ist Fleisch im Weg. Doch das bremst die Hauer nicht.

Bei Geburt legen sie im Oberkiefer los, und stoßen irgendwann durch Haut und Knochen. Ein blutfreier Ausgang, hinter dessen Geheimnis die Einheimnischen auf der indonesischen Insel Sulawesi noch nicht gekommen sind – oder sie schweigen. Was sie machen, sind Witze wie den, dass Hirscheber die Hauer bräuchten, um sich nachts zum Schlafen an einen Ast zu hängen. Man muss wissen, dass nur die Männchen solche runden Hauer haben. Die Weibchen tragen nur kleine Knöpfe – so nennt man das. Mit einer anderen oder überhaupt einer Erklärung würde auch die Wissenschaft nicht aufwarten, sagt Reviertierpfleger Klaus-Dieter Grahl.

Die Zähne haben sich nach drei Jahren mit 20 Zentimetern fast im Kreis gedreht. „Sie können dann die Kopfhaut aufscheuern“, sagt Grahl. Schwere Infektionen wären die Folge, würde sich nicht der Zoo-Tierarzt mit einer Drahtsäge einmischen und die Hauer stutzen. Er könnte Meret Becker um Hilfe bitten, sie moderiert noch bis Monatsende die „fabelhafte Variete-Show“ im Wintergarten – mit ihrer eigenen, singenden Säge.

Meret muss in die Maske, Hirscheber auch. Zur Hautpflege und Abkühlung. Sie haben kein Fell, nur ein paar Borsten, und sie können nicht schwitzen, weil ihnen – anders als Menschen – die Schweißdrüsen fehlen. Im Zoo füllen Grahl und seine Kollegin Veronika Quade die Lehmkuhlen in den drei Anlagen ab 20 Grad Außentemperatur mit Wasser auf. Und im Winter werden die Tiere von Hand eingerieben, damit die Haut geschmeidig und feucht bleibt. Wieder mit Lehm. Von Babyöl – kleiner Tipp! – raten die Tierpfleger ab. „Sie hat unseren Hirschebern die Haut ausgetrocknet und borkig gemacht“, sagt Grahl.

An einen gehen wagen sich die Experten nur mit dem Schrubber: an Stammvater Waris. Er kam 1995 als Einjähriger aus seinem Geburtszoo Singapur zur Zucht nach Berlin, zusammen mit dem Weibchen Adik. „Übellaunig“ sei Waris, sagt Grahl. Und bissig: Ein Besucher, der Waris streicheln wollte, hat mit seiner Daumenkuppe bezahlt. Hirscheber sind Wildtiere, genau wie Schimpansen. Trotzdem: Manche sind friedlich. So wie Elfi. Sie sei, und Grahl würde darauf einen Eid schwören, nach Knut und den Menschenaffen das beliebteste Zootier. Kenner kommen und kraulen die Neunzehnjährige hinter den kleinen Ohren. Könnte Elfi schnurren – das wäre ihr Moment.

Aber Hirscheber sind weder Katzen noch Hirsche, sondern Schweine – an der Rüsselscheibe zu erkennen. Und Schweine grunzen – sogar Miss Piggy – wenn sie etwas mögen. Die Männchen grunzen besonders viel, wenn die Weibchen rauschig sind. „Treckerfahren“ nennen die Tierpfleger das Geräusch. Wenn Elfi knurrt, ist sie sauer, dann rufen die Tierpfleger sie „Elfriede“. Den Eindruck ihrer strahlend grauen Augen mindert es nicht. Hirscheber ist übrigens eine Bezeichnung für beide Geschlechter, „Sau sagt man nicht“, sagt Grahl. Da hat er recht.

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