Geschichten aus Zoo und Tierpark

Bonobos sind Spezialisten der Liebe

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Tanja Laninger
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Nachwuchs bei den Bonobo-Affen

Das kleine Affenmädchen Likemba wird zunächst von seiner Mutter versorgt. Die Zwergschimpansen sind als besonders intelligente Primaten bekannt.

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Sie klammert so, man sieht sie kaum. Der jüngste Bonobo-Nachwuchs im Zoo ist weiblich und löst sich selten von Muttis Fell. Nicht mal nachts im selbstgebastelten Hängebett aus Holzwolle und Jutesäcken.

Likemba wurde am 26. Oktober 2009 geboren. Sie ist das erste Kind von Opala. Große Augen und kleine Hände, ein Baby und als Menschenaffe so vertraut. Nur weiß niemand, wer der Vater ist. „Irgendwann werden wir einen Gentest machen“, kündigt Zoo-Kurator André Schüle an. Dann zeigt sich, ob Gruppen-Männchen Santi Nachwuchs hat oder der Ex-Berline Vifijo, der im belgischen Zoo Planckendael lebt. Seinen Wegzug haben die Leiter des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms verfügt, weil sie finden, dass Vifijos Gene dort besser passen. Bonobos sind laut Weltnaturschutzunion IUCN vom Aussterben bedroht. Und das, obwohl sie so viel Sex haben wie wohl kaum ein anderes Tier – nicht einmal der Mensch mit all seinen Puffs und Pornos.

Affenforscher Frans de Waal hat das Sexualverhalten der Bonobos mit dem griffigen Satz „they make love, no war“ umschrieben. Der Akt ist beiläufig und kurz – de Waal spricht von 13 Sekunden im Schnitt – und verblüfft oder beschämt, je nach kulturellem Hintergrund der Beobachter. Schließlich reiben Bonobo-Weibchen – öffentlich, wo sonst – ihre primären Geschlechtsteile aneinander und die Männchen wiederum fechten mit den ihren. Gelegentlich hängen sie dabei kopfüber vom Baum. Zu sportlich? Bonobos praktizieren auch geschlechstverkehr mit zugewandten gesichtern, also die Missionarsstellung, falls das irgendwen beruhigt.

Doch über diese Ausschnitte aus dem Bonobo-Kamasutra hinausgehend hat das Konfliktlösungsmodel Respekt verdient. Wenn eine Gruppe Bonobos unterwegs ist zu einem Baum voller Früchte – die Geschichte berichtet Claudine André vom Bonobo-Waisenheim „Lola ya Bonobo“ im Kongo nahe Kinshasa – dann klären sie per Sex, dass jeder etwas zu essen bekommt. Bis zur Ankunft sind alle Tiere entspannt und friedlich. Gruppensex – mancher wird Buh rufen. Aber ist eine Massenschlägerei besser?

Das Verhalten unterscheidet Bonobos von ihren Verwandten, den Gemeinen Schimpansen. Letztere sind größer, aggressiver, sie haben weniger Sex und bei ihnen ist ein Mann der Chef. Unter Bonobos hat eine Frau das sagen. Sie schläft sich nicht nach oben, sondern ist ganz klassisch das älteste, erfahrenste und stärkste Tier von allen. So wie die 29-Jährige Yala im Zoo Berlin. Sie hält Santi einfach den Mund zu, als der sich von Schüle eine Feige durchs Gitter geben lassen will.

Bonobos sind also sexuell hochaktiv und matriarchalisch – und, das kann miteinander zu tun haben oder nicht, sie sind intelligent. Es ist der Grund, warum Tierpfleger Ruben Gralki mehrmals täglich mit ihnen übt. Im so genannten Klicker-Training lehrt er die Menschenaffen mittels positiver Belohnung, ihm ihre Hände, Füße und Zähne zu zeigen. Er darf ihnen sogar Blut nehmen. „Wir können sie so problemlos ohne Narkose untersuchen“, sagt Schüle. Darum weiß er auch, dass alle fünf Bonobos in gutem Zustand sind – auch Likemba. Dass ihr zeitweise alle Kopfhaare fehlten – Bonobos tragen übrigens Mittelscheitel – ist normal. „Bonobos zupfen sich als Zeichen der Zuneigung gegenseitig die Haare aus“, so Schüle. Lausen sagen Laien dazu. Aber die Zoo-Bonobos haben keine Parasiten, und machen es trotzdem. Grooming nennen die Experten das Knabbern und Zupfen. Sex ist also wichtig – aber bei weitem nicht alles.