Zoo-Geschichten

Tödlicher Kontakt mit der schnellsten Zunge der Welt

Chamäleons sind Experten für optische Aufrüstung. Täglich kommt es im Aquarium zu visuellen Kriegserklärungen. Dort lebt der Urvater der Berliner Chamäleonzucht in einem Schaukasten. Er ist Witwer.

Chamäleon-Frauen werden nicht alt - anderthalb Jahre. Sie erschöpfen sich im ständigen Eierlegen. Sie sind grün. Sie sehen verhärmt aus. Vielleicht gilt ihre Art deshalb mancherorts in Afrika als Unglücksbringer: Sie sollen Unheil und Tod ankündigen - und potenzielle Ehemänner vertreiben. Die Männchen werden bis zu sechs Jahre alt. Sie verfügen über ein ganzes Arsenal an Abschreckungsmechanismen. So färben sie per Muskelspiel ihre Haut grün mit türkisfarbenen Punkten und gelben Streifen. Schrill wie ein Punk und - das griechische chamaileon bedeutet Erdlöwe - fauchend. Kehlsack und Rumpf werden aufgeblasen, Dornen aufgestellt. Die Botschaft: Hau ab! Das ist mein Revier.

Das Schauspiel ist tagsüber zu betrachten, wenn sich Vater und Sohn quer über den Gang erblicken. Die Leuchtfarben sollen den Rivalen einschüchtern und Weibchen anlocken. Doch die Farben bedeuten mehr. Die Wissenschaftler Devi Stuart-Fox und Adnan Mousalli von der Universität Melbourne berichten, dass Chamäleons nicht nur die Helligkeit ihrer Hautfärbung variieren, um sich zu tarnen. Sie modulieren sogar die Form ihres Körpers derart, dass sie von ihrer Umgebung kaum zu unterscheiden sind.

So kommt Ronny Keßner, Reptilienpfleger im Zoo, beim Abzählen der Brut manchmal nur auf achtzehn Echsen - und der Tierpfleger weiß, dass es zwanzig Kinder sein müssen. Er macht den Kasten sauber. Er hat sie reingesetzt. Er hat sie aufwachsen sehen. Seit Zuchtbeginn vor drei Jahren sind Hunderte von Jungtieren geschlüpft, die an andere zoologische Einrichtungen, Privathalter und den Handel abgegeben werden. Zwischen 50 und mehrere Hundert Euro kosten die Tiere - je nach Alter und Art.

Vor dem Schlupf buddeln die Pfleger alle Eier aus dem Schaukastensand. Sie gehen sorgsam wie Archäologen zu Werke, mit Löffel und Pinsel. Denn das Ei darf nicht gedreht werden, sonst platzt die Luftblase und der Embryo erstickt. Anschließend betten sie das Gelege für fünf Monate mit Substrat in Brutkartons. Frisch geschlüpft kommen die Jungtiere in Aufzuchtbehälter, später müssen sie fingerdicke Heimchen jagen.

Dabei bedienen sie sich einzigartigen Werkzeugs: der Schnappzunge. Sie liegt aufgerollt wie ein Gummiband im Kiefer und schnellt in einer Zehntelsekunde bis zu 25 Zentimeter weit nach vorne, wickelt sich um das Opfer und zieht es zurück in den Schlund. Es ist ein tödlicher Kontakt mit der schnellsten Zunge der Welt. Beschleunigung: sechs Meter pro Sekunde.

Auch bewegen Chamäleons ihre Augen unabhängig voneinander, wodurch ihr Blickfeld 342 Grad umfasst. Kontaktlinsen sind überflüssig: Chamäleons sehen einen Kilometer scharf und sie färben ihre Augenpartien selbst ein, um Paarungsbereitschaft zu signalisieren. Optik geht ihnen eben über alles.

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