Kolumne Stadtflucht

Meine persönliche Energiekrise

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Uta Keseling lebt in Berlin und in der Uckermark.

Uta Keseling lebt in Berlin und in der Uckermark.

Foto: Olaf Fuhrmann / Reto Klar / Funke Foto Service

Manchmal wundert es mich, wie sehr sich das wirkliche Leben vom Weltbild unterscheidet, das wir alle so haben.

Berlin. Es war eine andere Art Festtag im Garten: Der Tag, an dem uns ein Holzhändler einen großen Haufen Scheite auf die Wiese kippte. In anderen Jahren war das nicht weiter erwähnenswert, Brennholz kam auf dem Dorf bisher immer irgendwo her. Mal selbst gesägt, wenn im Garten wieder ein Baum umfiel. Mal geschenkt von Freunden, die zu viel Holz hatten nach einem Sturm. Oder eben von jemandem, der es im Internet oder Geschäft anbot. Das Teuerste daran war meist das Liefern, wegen der weiten Wege und der schlechten Straße ins Dorf. Das Schweißtreibendste war das Aufstapeln.

Diesmal ist alles anders. Viele Holzhändler gingen gar nicht erst ans Telefon. Im Internet verschwanden Angebote, sobald man draufklickte. Umso mehr überwog also die Freude, als es dann doch klappte. Leichtsinnig postete ich den Holzhaufen im Internet samt lustig gemeintem Kommentar: „Putin, nimm das!“

Oh-oh. Ich hätte es mir ja denken können. Um es kurz zu machen: Mein Holzstapel wurde kurzfristig zum Aufhänger für alle Themen, die uns derzeit so umtreiben. Die ersten Kommentare waren noch amüsiert. Ein Freund postete seinen eigenen Holzschuppen samt Gasflaschen, bis wir feststellten: Man hielt uns tatsächlich für fiese „Hamster“, ähnlich wie bei Klopapier und Hefe.

Klar, natürlich braucht niemand Brennholz im Juli. Aber ehrlich: Seit meinen Jahren mit Kachelofen und Außenklo in Neukölln weiß ich, wie übel sich ungeheizte Räume anfühlen. Feucht, schimmlig, und bei Frost fangen die Wasserleitungen an einzufrieren. Nach harten Wintern wurden in Berlin wochenlang Wasserrohrbrüche saniert. Als Studenten duschten wir im Schwimmbad, wärmten uns in der Unibibliothek. Ich besitze bis heute einen Schwarm kuscheliger Wärmflaschen.

Klar, auf dem Dorf hätten wir als Vorsorge auch lieber einen vollen Gastank. Aber Gas bekommt man als Einzelkunde auf dem Land derzeit noch weniger als Holz, allen Beteuerungen der Politik zum Trotz. Wir könnten, riet man mir, doch einfach eine Wärmepumpe einbauen, schön umweltfreundlich. Oder Photovoltaik aufs Dach. Denn Holzöfen, lernte ich in den Kommentaren unter meinem Post, seien die größten Feinstaubverursacher überhaupt. Was sein kann, aber nur, wenn man die Hauptverursacher Industrie und Autoverkehr einfach ignoriert.

Manchmal wundert es mich, wie sehr sich das wirkliche Leben vom Weltbild unterscheidet, das wir alle so haben. Klar, das mit den Wärmepumpen und Sonnenkollektoren hört sich toll an – wenn Politiker und Talkshowgäste davon erzählen. Wer darüber mit einem Installateur spricht, also jemandem aus dem richtigen Leben, lernt: So einfach ist das nicht.

Wärmepumpen sind nur effektiv, wenn man sein Haus mit sogenannten Flächenheizungen ausstattet, also Wand- oder Bodenheizungen. Dafür müssen normale Häuser komplett umgebaut werden. Mit herkömmlichen Heizkörpern verbraucht die umweltfreundliche Heizung nur jede Menge Strom. Und die Kollektoren? Ja, schöne Idee! Wir sind auf der Warteliste! Sie auch? Neulich haben wir nachgefragt: Wir sollen im Frühjahr noch mal anrufen.

Zum Holzhaufen gab es aber nicht nur Kritik. Jemand berichtete begeistert, ein Vermieter baue jetzt Kaminöfen ein. In Berlin?, fragte ich erstaunt zurück. Mir fiel ein, wie mir die ehemalige Kreuzberger Bezirksbürgermeisterin, eine Grüne, mal erzählt hatte, es gebe in Kreuzberg gar keine Ofenheizungen mehr. Tja.

Weltbild und Wirklichkeit: Bis heute putzen wir in Kreuzberg regelmäßig den Ruß von den Fenstern, den die Nutzer von schicken Kamin- und Kachelöfen in Wohnungen und Restaurants verursachen. Beim Müllwegbringen bemühe ich mich, die orange-verschmierten Müllcontainer nicht anzufassen, an denen die Brikettasche aus Kachelöfen klebt. Erinnert Sie das auch an früher? Die Schlauen haben ihre Kohlen ja auch damals schon im Sommer bestellt.