Stadtflucht

Auf dem Dorf wird jetzt gemeinsam gerätselt

Was bedeutet die 15-Kilometer-Regel in großen Landkreisen wie der Uckermark? Und wie kommen die Älteren zum Impfen?

Reporterin Uta Keseling pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Reporterin Uta Keseling pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Krasseste Vorkommnisse im Dorf: Am Sonntagmorgen sind sieben Menschen gleichzeitig auf der Straße vorbeigelaufen. "In einer Gruppe, ohne Masken, bestimmt Berliner!", so erzählt man es sich. Später standen vor einigen Häusern ganze Pulks von Autos: Mittagessen bei Oma muss offenbar sein, Coronaregeln hin oder her. Außerdem hupt sich der Bäckerwagen jetzt noch etwas fürsorglicher durchs Dorf und hält sogar an der “Suppenstraße”. Der Spitzname erzählt zwar nicht vom Hunger, sondern nur vom Matsch der unbefestigten Straße. Aber es sind eben besondere Zeiten. Mal wieder.

Es ist lange her, dass der ganze Ort ein gemeinsames Thema hatte. Auf der Straße wünscht man sich betont ein gesundes neues Jahr. Denn möglicherweise gibt es auch bei uns jetzt Corona-Fälle, selbst wenn die Corona-App strikt behauptet: “kein Risiko”. Einige Nachbarn arbeiten in der Pflege, die “Hotspots” vermuten alle in Pflegeheimen und ähnlichen Einrichtungen. Genaue Informationen gibt es allerdings nicht. Auch wenn die Sieben-Tage-Inzidenz im Landkreis zwischenzeitlich auf die 300 zulief, sind die “Spitzenmeldungen” auf der Webseite des Landkreises die KfZ-Meldestelle (weiter geöffnet) und eine Wanderausstellung (entfällt). Weiter unten gibt es RKI-Zahlen vom Vortag.

Mehr Sorge macht den Nachbarn die Impfung

Das Wochenende verbrachten wir mit gemeinsamem Rätseln - natürlich nur von Straßenseite zu Straßenseite, also auf Distanz. Die 15-Kilometer-Regel etwa: Der Landkreis Uckermark ist der fünftgrößte Deutschlands. Hier leben, statistisch gesehen, rund 40 Einwohner auf einem Quadratkilometer. Zum Vergleich: In Kreuzberg sind es 15.000. Während 120.000 Uckermärker ihre “touristischen” Aktivitäten weiterhin legal auf “ihren” gut 3000 Quadratkilometern ausüben dürfen, haben 3,8 Millionen Berliner nicht mal ein Drittel dieser Fläche zur Verfügung - plus einen Bereich von jeweils 15 Kilometern rundherum. Nun ja.

Mehr Sorge macht den Nachbarn aber die Impfung. Zum einen ist die Hotline des Landes für die Terminvergabe wohl nur schwer zu erreichen. Und während Berlin seine älteren Mitbürger schriftlich zum Impfen gebeten hat, wird das bei uns nicht passieren. Briefe klingen zwar umständlich, sind aber für Menschen wie meinen 93 Jahre alten Vater am besten geeignet - und das Impfen hat übrigens auch anstandslos geklappt. Auf dem brandenburgischen Land dagegen rätselten die alten Leute nicht nur, wie sie einen Impf-Termin bekommen - sondern auch, wie sie dann hinkommen. Denn die drei bisherigen Brandenburger Impfzentren liegen alle südlich von Berlin. Bis Potsdam, Cottbus oder Schönefeld sind es von uns aus zwei bis drei Stunden im Auto oder Zug. Wer über 80 ist, sollte solche Distanzen nicht im eigenen Auto zurücklegen. Öffentliche Verkehrsmittel empfehlen sich für die Risikogruppe aber auch nicht.

Wer jetzt aber denkt, es würde im Dorf geklagt, irrt. Zum einen haben gerade die Älteren schon ganz andere Dinge erlebt. “Distanz” etwa ist für Menschen, die schon zu DDR-Zeiten auf dem Land lebten, ja ein ganz anderer Begriff. Und es gibt ja Familien und Nachbarn, auf einem Dorf ist nie jemand wirklich allein. Außerdem: Das Leben geht weiter. Derzeit kreischen die Kettensägen beim Winterschnitt der Bäume, die Bauern fahren wie jeden Januar massenhaft Dung auf die Felder. Der Mist muss halt irgendwo hin. Über all dem liegt neuerdings ein besonderes Lied: Das Rufen der Kraniche. Die ersten Vorboten des Frühlings sind schon da.