Stadtflucht

Das Wort, das niemand ausspricht

Im Supermarkt, auf der Straße, im Haus: Jeder kennt andere, die einsam sind. Doch bei uns fällt es schwer, darüber zu sprechen.

Es war neulich im Supermarkt. „Na, das ist aber genug eingekauft für heute“, hörte ich eine Stimme hinter mir, „Ihr Wagen ist ja schon ganz voll! Und morgen kommen Sie doch auch wieder her, wie jeden Tag!“ Als ich mich umdrehte, stellte ich fest: Ich war gar nicht gemeint, sondern eine winzige, alte Frau neben mir. Sie schob einen Kinder-Einkaufswagen vor sich her, der von der Größe genau zu ihr passte – und tatsächlich schon gut gefüllt war. Unter anderem mit einer Schachtel Pralinen, die sich in dem Körbchen geradezu riesig ausnahm.

Aus dem runzligen Gesicht der kleinen Dame blitzten zwei dunkle Augen, als sie sich zu der ersten Frau umwandte. Offenbar kannten sich die beiden – und waren im selben Alter. „Ja, Sie haben ja recht. Aber was soll ich denn sonst machen? Und für einen Ein-Personen-Haushalt einzukaufen, ist ja sowieso ganz unmöglich.“ Dann kramten die beiden noch ein bisschen in der Kiste mit Sonderangeboten, rückten die Masken zurecht und gingen zur Kasse.

„Am Anfang waren wir 40 Personen hier“

Die beiden erinnerten mich an eine Nachbarin, sie war schon über 80 und lebte nebenan, als wir aufs Dorf zogen. Sie wohnte allein in einem großen, alten Haus, das einst zwei Familien beherbergt hatte, wie sie mir eines Tages erzählte. „Am Anfang waren wir 40 Personen hier, da war immer was los!“ Sie war mit ihrem ältesten Sohn bei Kriegsende aus Siebenbürgen geflohen, erzählte sie. Im Dorf gehörte sie zu den sogenannten Umsiedlern (im Westen wurden sie „Vertriebene“ genannt). Diese wurden von den Eingesessenen schräg angeschaut. Fremde eben, beneidet um vermeintliche Vorteile. Das Misstrauen hielt über Jahrzehnte.

Die Nachbarin hatte im Kuhstall des Gutes nebenan gearbeitet, bis sie vom Heuboden fiel, danach blieb sie mittel- und arbeitslos. Sie zog drei Kinder allein groß. Als wir sie kennen lernten, wohnte sie seit Jahrzehnten allein in dem Haus, mit Kachelofen und Plumpsklo, das im Garten stand. Küche und Bad bestanden aus einem Waschbecken und einer Kochplatte im Flur.

Selbst in der Kleinstadt war sie über Jahre nicht gewesen

Einmal am Tag kamen die Kinder und brachten Essen, halfen beim Putzen, zuletzt auch beim Anziehen. Verreist war die Nachbarin nie. Selbst in der Kleinstadt war sie, seit sie nur noch schlecht laufen konnte, über Jahre nicht gewesen, obwohl sie Einkaufen an sich liebte. Aber sie beklagte sich nicht. Ihre Tage begannen mit Gymnastik vor dem Fernseher, danach saß sie am Fenster oder im Garten und freute sich, wenn einmal im Monat „die Frau Doktersch“ vorbeikam und nach dem Befinden fragte. Nur nachts bekam sie unheimlichen Besuch. Sie sah und hörte dann Gestalten am Fenster und verbrachte schlaflose Stunden in Angst, erzählte sie morgens.

Es war das erste Mal, dass ich verstand, was Einsamkeit wirklich bedeutet. Einsamkeit ist nicht dasselbe, wie allein zu sein. Man kann seine Tage sehr glücklich allein verbringen – und doch kann etwas fehlen. Selbst dann, wenn man es bewusst gar nicht merkt. Oder nicht wahrhaben will. Vielleicht, weil es sich ja ohnehin nicht ändern lässt, wie man denkt. Weil man sich schämt. Keine Worte dafür findet. Oder keine Hoffnung hat, dass etwas helfen könnte.

Im Supermarkt, am Telefon, im eigenen Haus – überall fallen einem Menschen auf, die einsam sind. Menschen an Beratungstelefonen können davon erzählen, Ärzte, Kneipenwirte, Taxifahrer. Einsamkeit, stelle ich mir vor, funktioniert ähnlich wie Angst. Meist ist man mutig, aber es gibt diese Momente, wenn niemand schaut. Das betrifft bei Weitem nicht nur ältere Menschen, sondern, gerade in diesen Zeiten, auch immer mehr jüngere. Aber: Einsam, das sind immer nur die anderen. Warum eigentlich?