Stadtflucht

Urlaub in Corona-Zeiten: Keine Bewegung!

Was ich im Urlaub gemacht habe? Gar nicht so einfach zu sagen. Aber ich habe etwas sehr Nützliches wiederentdeckt.

Reporterin  Uta Keseling  pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Reporterin Uta Keseling pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Foto: pa/Montage BM

Berlin. Ich habe Urlaub. Schon seit zwei Wochen, aber erst, als mich neulich jemand danach fragte, fiel mir auf, was anders ist als sonst. Wo man früher gefragt wurde, wo man gewesen war, und wo sich im besseren Fall eine Fachsimpelei anschloss über die schönsten Strände Kretas oder die besten Orechiette Apuliens (Öhrchennudeln in Bari), lautet die Frage dieser Tage: Was hast du im Urlaub gemacht? Gemeint ist meist: Worauf musstest du verzichten?

Ja, es kann sein, dass ich verreist wäre, wenn nicht das Virus, und so weiter. Aber. Ich überlegte, wie ich Außenstehenden am besten beschreiben sollte, warum es mir nicht leid getan hat, hier zu bleiben. Dieser Moment, wenn der Tag nur damit beginnt, dass am Morgen ein Apfel ins taufeuchte Gras fällt. Und dass man sich selbst dabei beobachtet, wie man buchstäblich der Stille lauscht: Es ist Oktober. Das melancholische Hi-hah der Kraniche fehlt, ebenso das Dauergeschwätz der Gänse. Dann bricht plötzlich etwas riesiges Rotes durch den Nussbaum. Ein aufgeplustertes Eichhorn. Was die magere Walnussernte in diesem Jahr erklärt.

Tage, an denen man nichts anderes tut, als zuzuschauen

Wie soll man die Größe dieser Tage beschreiben, die nur daraus bestehen, dass die Sonne den Garten, die Wege, den Wald und die Welt in wechselndes Licht taucht? Tage, an denen man nichts anderes tut, als zuzuschauen? Zum Beispiel den Pilzen. Letztes Jahr gab es ja diese Steinpilzschwemme, selbst in den sozialen Netzwerken wucherten sie einem bergeweise entgegen. Dieses Jahr hat die Pilzkonkurrenz gewissermaßen mit eigenen Produkten nachgelegt – mit seltsamen, schleimigen Gewächsen, die Flaschenstäubling, Ziegenlippe oder Parasol heißen.

In anderen Zeiten wäre ich daran einfach vorbeigelaufen. Dieses Jahr gab es Stunden, in denen ich nichts anderes tat, als Dinge genau anzuschauen. Pilze. Blumen. Sonnenuntergänge und Wolkenbrüche am See. Und, ja: Mein Leben. Natürlich hatte ich Momente der Sehnsucht: Italien, hach! Und das Meer. Aber andererseits: Ich habe es ja schon gesehen, oft sogar. Und Italien wird auch noch da sein, wenn Corona vorbei ist.

Ich erinnerte mich an Momente aus der Kindheit

Schon als Kind, erinnerte ich mich, gab es diese Momente, in denen ich irgendwo auf der Straße herumhing und wartete, wenn gerade kein anderes Kind da war zum Spielen. Während des Wartens starrte man gelangweilt auf die öden Sozialbauten, die unser Leben begrenzten, und wünschte sich eine weitere, bessere Welt. Dann spürte man die Sonne warm im Rücken und war plötzlich in „Amerika“, einem Land im Lichtsog eines immerwährenden Sonnenuntergangs. Oder man reiste im Zirkuswagen hinaus aus der Kleinstadt – für immer. Manchmal besaß ich auch einen echten Garten. Heimlich, denn in der Welt meiner Eltern war das undenkbar. Sie selbst hatten Kleingärten verabscheut – im Krieg als Orte harter, lebensnotwendiger Arbeit, später als Hort der Spießigkeit.

Als ich erwachsen wurde, war ich froh über die Kinderträume. Es machte es leichter, große Fragen zu entscheiden. Gegen Amerika, die ferne Welt. Aber auch gegen die Kleinstadt und für Berlin. Und später für den Garten im Dorf. Als wir vor 20 Jahren damit anfingen, fanden viele Freunde das schräg. Was für ein Glück, ihn in diesen Tagen zu haben.

Die ehrliche Antwort, was ich im Urlaub getan habe, wäre also: Nichts. In vielen Variationen. Es war schön. Und es war eine Wiederentdeckung. Ja, Freiheit bemisst sich auch am Radius, in dem man sich bewegen kann. Aber sie beginnt im Kopf. Corona ist kein lebenslängliches Urteil, sondern eine Herausforderung. Vielleicht auch dazu, den Nutzen des „Nichtstuns“ neu zu entdecken.