Kolumne Stadtflucht

Klimaprotest im eigenen Wohnzimmer

Es regnet. Warum das bei uns neuerdings zu größeren Diskussionen führt – aus dem Leben in Schwarz-Weiß.

Uta Keseling hat eine schwarz-weiße Katze als Haustier. (Symbolbild)

Uta Keseling hat eine schwarz-weiße Katze als Haustier. (Symbolbild)

Foto: pa/Montage BM

Berlin. Das musste ja passieren. Nach fünf Wochen hatten das Tier und wir eigentlich gerade eine Art Burgfrieden geschlossen, doch an diesem Wochenende gab es erstmals ernsthafte Diskussionen. Wieso hatten wir auch diesen Dauerregen bestellt? Und das gleich vor sämtlichen Fenstern und Türen des Hauses gleichzeitig, wie die Katze nach eingehender Überprüfung feststellen musste? Duschen tun wir doch sonst auch nur im Badezimmer. Seit es regnet, tobt das Tier als schwarz-weiße Klimademonstrantin kreuz und quer durchs Haus. Die Routen lassen sich anhand mehrerer Hundert matschiger Pfotenspuren leider genau nachvollziehen.

Auch mit selbstgebastelten Vögeln und Mäusen ließ sich die Katzenlaune nicht heben. Als dann auch noch eine verirrte Meise aus dem Garten gegen das Wohnzimmerfenster knallte, direkt vor den sehnsüchtigen Augen der Katze, die aber drinnen saß, rollte sich das Tier zu einer beleidigten Kugel zusammen. Und zwar genau da, wo unter dem Schreibtisch bisher meine Füße standen. Der Platz war schön vorgewärmt, fand sie. Ich sitze jetzt etwas schräg am Computer, man will ja nicht stören. Von unten sendet sie missgelaunte Botschaften nach oben, die akustisch verdächtig klingen wie „Hunger!“ und „arm!“.

Man kann eine Katze verstehen – selbst ohne Worte

Katzen können nicht sprechen – wer das glaubt, hat nie mit einer das Leben geteilt. Ja, man kann eine Katze verstehen – selbst ohne Worte. Diese zum Beispiel signalisiert durch die Körperhaltung, was los ist. Ist sie beleidigt, werden die weißen Füße so eingeklappt, dass sie nicht mehr zu sehen sind. Ebenso verschwinden der weiße Fleck am Hals und der watteweiße Streichelbauch. Aus zwei grünen Sehschlitzen wird dann misstrauisch beobachtet, ob der Mensch endlich Maßnahmen zur Katzenlaunenverbesserung ergreift.

Auch das Regelwerk, auf das wir uns geeinigt hatten, sorgt inzwischen für Debatten. Anfangs hatten wir die Katze dafür belohnt, wenn sie nach Ausflügen in den Garten selbstständig wieder ins Haus kam. Inzwischen wird die Katzennase nur einmal kurz rausgehalten, dann steht man am Fressnapf und fordert die Einhaltung der vereinbarten Katzengrundrechte. Kommt dann kein Futter und auch noch der Hinweis, dass dicke Katzen in Katzenklappen stecken bleiben können, gibt es lautstarken Widerspruch.

Aus unserer Katze ist eine selbstbewusste Hausherrin geworden

Natürlich waren wir selbst schuld. Ich hatte vergessen, in welche Angstfantasien sich der Mensch hineinsteigern kann, nur weil die neue Katze mal eine halbe Stunde interessanten Insekten hinterherjagt und dabei aus Versehen durchs ganze Dorf läuft. Inzwischen ist aus der verschüchterten, 3,3 Kilo leichten Mini-Katze aus dem Tierheim eine selbstbewusste Hausherrin geworden. Die, wenn sie so weitermacht, bald fünf Kilo schwer sein wird. Sie behauptet allerdings, sie sei nur gewachsen.

Was in mancher Hinsicht stimmt. Nur so kann ich mir das Fehlen der einen oder anderen Futtertüte erklären, die man sicher abgestellt oben auf einem Regal glaubte und die dann als zerfetzter Müll unter dem Tisch wieder auftauchte. Wenn es darum geht, Spinnen und Fliegen zu erwischen, kann das Tier mit erstaunlichen Teleskop-Armen noch in der letzten Ecke nach seinen Opfern angeln. Steht Leberwurst auf dem Tisch, ist die Katze bei Bedarf gut einen Meter lang.

Die Regel mit der Futterbelohnung hat die Katze neuerdings übrigens umgedreht. Seitdem findet man ab und zu neben dem Fressnapf kleine Gaben. In einiger Entfernung sitzt, betont gelangweilt, das Tier und erwartet, dass der Mensch sich ebenso dankbar wie gierig über die frisch erlegte Maus hermacht. Möglicherweise ist es Liebe.

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