Kolumne Stadtflucht

In Corona-Zeiten gibt es ohne Formular keinen Burger

Jedes Bundesland legt die Hygiene-Vorschriften anders aus. Als Reisende stellt man fest: Berlin könnte da eine Menge lernen.

Vor einem Restaurant-Besuch muss eine Kontaktliste ausgefüllt werden.

Vor einem Restaurant-Besuch muss eine Kontaktliste ausgefüllt werden.

Foto: pa/Montage BM

Wenn es um die Pandemie geht, kann man manchmal den Eindruck haben, wir wären zurück in „analogen“ Zeiten. Selbst damals, als es noch sozialistische Staaten gab, habe ich nicht so viele Formulare, Zettel und Schriftstücke ausgefüllt und unterschrieben wie in den vergangenen Tagen.

Ich bin für einige Tage unterwegs gewesen kreuz und quer durch Deutschland. Im Gepäck hatte ich ausreichend Mund-Nasen-Schutzmasken, von der Einmal-Variante bis zur praktischen Stoffversion am Bändel zum Umhängen, alles ordentlich verpackt im Zip-Zellophanbeutel, wie wir es von der Kanzlerin gelernt haben. Dazu Hand-Desinfektionsmittel und gute Vorsätze, mich nirgends weniger als 1,5 Meter anderen Menschen zu nähern.

Obwohl, reichte das aus? Gibt es nicht auch Länder, in denen zwei Meter Abstand gehalten werden muss? Und solche, in denen bei Masken-Verstößen bis zu 500 Euro Bußgeld drohten? Nach einem Blick auf die ausufernde Linksammlung zum Thema auf der Webseite der Bundesregierung beschloss ich, diese Fragen jeweils bei der Einreise ins nächste Bundesland zu klären.

In Berlin gibt es nicht überall Kontaktlisten in den Gaststätten

Besonders kompliziert stellte ich mir das nicht vor. Was im Nachhinein betrachtet eine typisch laxe Berliner Einstellung war. Ich selbst zumindest bin in den vergangenen Monaten in Berlin nur sehr sporadisch in Gaststätten oder bei Veranstaltungen dazu aufgefordert worden, meine Daten zu hinterlassen. Und Vorschriften? Falls es welche gibt – gilt das Ignorieren von Regeln in Berlin nicht ohnehin als Lifestyle?

Corona bringt es mit sich, dass wir kaum noch verreisen. So erkläre ich mir, dass in Berlin nicht weiter auffällt, dass bei uns etwas anders läuft als im Rest des Landes. In Berlin, scheint es, sind Corona-Auflagen in erster Linie politisch, ähnlich wie Fahrradwege. Also wurde bei uns lange und medienwirksam um Auflagen für Demonstrationen und Partys in Parks gestritten – während sich die anderen Menschen von der Ostsee bis Bayern daran machten, ihre Vorschriften umzusetzen.

Was hilft es, wenn Regeln nicht kontrolliert werden?

Manchmal zähneknirschend, fast überall aber mit der Einsicht, dass sich und andere zu schützen sinnvoll ist. Diese Einsicht gibt es in Berlin bei der Mehrheit der Bürger sicherlich auch. Aber was hilft es, wenn Regeln nicht kontrolliert werden? Nicht in der U-Bahn, nicht im Supermarkt, nicht im bürgerlichen Biergarten, wo man sich ja genauso anstecken kann wie bei der Party im Park? Saftige Bußgelder und Kontrollen, meinte ein Bayer zu mir lakonisch, würden die Einhaltung nun mal nachhaltig fördern.

In anderer Hinsicht wecken die Corona-Vorschriften regelrecht Kreativität. So sind die Gäste-Formulare so unterschiedlich wie Land und Menschen. Teilweise lose auseinandergeschnittene Zettel, wie man sie von Klassenfahrten kennt, teils noch Listen, auf denen jeder die Daten der anderen lesen kann – aus Diskretions- wie aus Datenschutzgründen ein Unding. Mancherorts gibt es fast schon behördenähnliche Formulare, wie etwa McDonald’s in Bayern sie an seine Kunden ausreicht – und zwar kompromisslos: Ohne Formular kein Burger.

Weimar hat das Problem liebevoll gelöst

Am liebevollsten hat die Stadt Weimar das Problem gelöst. Die Gaststätten und Biergärten in der Innenstadt legen ihren Gästen einen hübschen, kleinen Abreißblock mit Weimar-Logo auf den Tisch, auf dem die Daten notiert und abgenommen werden, bevor der nächste dran ist. Ich finde das eine sehr viel bessere Werbung für eine Stadt und ihr Verantwortungsbewusstsein als die millionenteure Werbekampagne der Hauptstadt. Wobei: Der Slogan „Berlin. Auch das“, passt in diesem Zusammenhang ja eigentlich wieder. Ich bin allerdings nicht sicher, ob er auch so gemeint war.

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