Kolumne Stadtflucht

Eine Autofahrt in die DDR-Vergangenheit

30 Jahre danach: Wenn eine Autofahrt unversehens zur Reise in die deutsch-deutsche Erinnerungswelt wird.

Während einer Autofahrt sah Uta Keseling an einem grauen Etagenwohnhaus eine DDR-Fahne. (Symbolbild)

Während einer Autofahrt sah Uta Keseling an einem grauen Etagenwohnhaus eine DDR-Fahne. (Symbolbild)

Foto: pa/Montage BM

Berlin. Aus dem Auto oder Zug sieht man ja manchmal Motive vorüberziehen wie in einem Film. Manche verblassen, andere bleiben vor dem inneren Auge stehen, als hätte jemand den Projektor angehalten. Und man merkt erst später, welche Aussagekraft sie haben. So ging es mir neulich mit einer DDR-Fahne. Sie hing an einem grauen Etagenwohnhaus jenes Typs, der in Ostdeutschland bis heute „Neubau“ genannt wird, auch wenn er Jahrzehnte alt ist. Er stand quer zu einer Einmündung, an der ich wie immer bei Rot halten musste. Danach geht es nur rechts oder links weiter. Geradeaus steht das Haus. Und dort hing jetzt diese Fahne.

Jemand hatte sie, kein kleines „Winkelement“, sondern ein großformatiges Exemplar, so an der Vorhangstange seines Fensters befestigt, dass Hammer und Zirkel quer hingen und das Ding nach draußen schlabberte wie ein billiger Vorhang. Vielleicht hatte jemand einfach als Schutz gegen die gleißende Abendsonne gebraucht, überlegte ich, als die Ampel auf Grün sprang. Aber wer hat schon DDR-Fahnen im Schrank? Es war der Abend des 13. August. Vielleicht war die Fahne auch einfach ein hilfloser Nachruf auf ein gewesenes Land, dachte ich. Dann fuhr ich weiter.

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Eine unsichtbare Linie zwischen den Menschen gibt es heute

Auch wenn von der Mauer längst nichts mehr da ist – eine unsichtbare Linie zwischen den Menschen gibt es heute. Allerdings, so kommt es mir vor, ist ihr Verlauf unklarer als je zuvor. Zu Hause googelte ich DDR-Fahnen, es beschäftigte mich doch, was es damit auf sich hatte. DDR-Fahnen kann man heute unter dem Stichwort „Ostalgie“ im Internet bestellen. Hergestellt aus Polyester, nicht aus der Kunstfaser „Dederon“, die einst zu Ehren der DDR so benannt wurde.

Das Motiv gibt es auch als Kühlschrank-Magnet, Becher oder ­T-Shirt mit Aufdruck „Ich war dabei“. Ob der Fahnen-Inhaber „dabei“ gewesen war?, fragte ich mich. Aber: Spielt das eine Rolle? Ich erinnerte mich an eine andere DDR-Fahne, eine tatsächlich echte, die ich vor fünf Jahren in einem anderen Neubau geschenkt bekam. Ein Plattenbau in einem thüringischen Dorf, er wurde gerade abgerissen. Wie heute war es kurz vor dem 3. Oktober. Die Bauarbeiter hatten den Stofffetzen in einer leeren Wohnung gefunden und als Scherz an einen Balkon gehängt, bevor die Abrissbirne kam. Sie erzählten, wie sie die Plattenbauten einst errichtet hatten. Und dass sie froh waren, dass sie nun Platz machten für etwas Neues. Die DDR wollten sie nicht zurück.

DDR bleibt Teil der Geschichte aller Deutschen

Heute, fünf Jahre später, hört man wieder andere Töne. Zwischentöne, vielleicht. Auch wer die DDR nicht zurückhaben will, hat ja doch in ihr gelebt. Und sie bleibt Teil der Geschichte aller Deutschen, nicht nur der „DDR-Bürger“, wie sie lange nach der Wiedervereinigung genannt wurden. Ein ebenso empathieloser Begriff übrigens wie die „ehemalige DDR“, von der man heute noch liest, als müsse man sie nachträglich immer wieder ausradieren.

Bei meiner nächsten Fahrt durch Zehdenick, wie der Ort heißt, war die Fahne verschwunden. Trotzdem kann man hier glauben, die DDR wäre gerade erst vorbei. Erst jetzt werden die letzten grauen Ruinen saniert oder abgerissen. Das bröselnde „Filmtheater der Werktätigen“ wartet vielleicht auf eine Renaissance als malerische DDR-Filmkulisse. Seit dem Roman und Film „Deutschboden“ hat der Ort seinen Ruf als ewig gestrige DDR-Provinz weg. Wenn man mal aussteigt, erfährt man natürlich, dass das ungerecht ist. Auch in Zehdenick ist das Leben weitergegangen. Vielleicht ist es einfach nur so, dass man hier mit der Vergangenheit gelassener umgeht. Sie gehört eben dazu, ob hässlich oder schön, ob man will oder nicht.