Stadtflucht

Dem Tod kurz ins Auge sehen und weiterfeiern

Der sorglose Umgang vieler Partygänger mit dem Coronavirus erinnert in manchem an die Zeiten von Aids vor 30 Jahren, sagt Uta Keseling.

Reporterin Uta Keseling pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Reporterin Uta Keseling pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Foto: pa/Montage BM

Berlin. Es muss Ende der 1980er-Jahre gewesen sein, als mich Freunde eines Sonnabendmorgens mit dem Auto abholten, um zu einer Party in die Schweiz zu fahren. Wir waren Studenten, Kommilitonen hatten uns von den sagenhaften Uni-Festen in Zürich (oder war es Luzern?) erzählt und uns eingeladen.

Bevor wir losfuhren, wollten die drei jungen Männer noch schnell etwas erledigen. Wir stoppten an einer Arztpraxis, alle drei gingen hinein, ich wartete etwas verwundert im Auto. Als sie zurückkamen, waren sie so dermaßen gut gelaunt, dass ich hartnäckig nachfragte, was sie getan oder genommen hatten. Es stellte sich heraus: Sie hatten sich nach einer Party auf Aids testen lassen und nun gerade negative Ergebnisse bekommen. Alle drei. Sie fanden, das sei doch ein Grund zum Weiterfeiern, damit war die Sache erledigt.

Ich dagegen war ziemlich fassungslos. An sich fand ich es ja vernünftig, sich testen zu lassen. Aber was, wenn ein Test positiv ausgegangen wäre, was damals ein sicheres Todesurteil bedeutet hätte? Wären wir dann auch zur nächsten Party gefahren, als wenn nichts gewesen wäre? Sie verstanden mich nicht. Wir waren jung, niemand von uns hatte bis dahin den Tod je von Nahem erlebt. Sterben war das Problem anderer Leute.

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Diese Episode fiel mir jetzt wieder ein, als ich in Kreuzberg und Mitte durch all die sorglosen Partygänger lief. Ich glaube nicht, dass die meisten bewusst das Risiko suchen, wenn sie unmaskiert in die U-Bahn steigen, sich in Biergärten, in Bars, auf Brücken oder in Parks zusammendrängen und feiern. Menschliche Nähe ist eben ein Urbedürfnis. Dies war auch meine Erkenntnis während der durchfeierten Nacht in der Schweiz, die ich im wesentlichen damit verbrachte, darauf zu warten, dass wir wieder nach Berlin fuhren.

Ein paar Jahre später traf ich dann jenen Menschen, der damals der Anlass für den Gruppen-Aids-Test gewesen war. Nach einer Party war ein Gast positiv getestet worden, worauf sich offenbar zahlreiche weitere Gäste ebenfalls testen ließen. Wie eng der Kontakt auch gewesen sein mochte, man sah das als Beweis der Aufgeklärtheit. Dass niemand hätte zum Arzt gehen müssen, wenn man sich an die damals längst bekannte Aids-Prävention gehalten hätte – geschenkt.

Als ich den Betroffenen später durch Zufall kennenlernte, erzählte ich ihm von der unwürdigen Art, wie ich von seiner Krankheit erfahren hatte. Ich sagte ihm, wie schwer ich es fand, darüber zu sprechen, was natürlich sehr dämlich war – was sollte er denn sagen? Aber er entgegnete nur, ich sei die einzige, die ihn bisher überhaupt darauf angesprochen hatte.

Wir redeten eine ganze Nacht über Sex und Drogen und andere Übertragungswege. In seinem Fall kam auch eine Bluttransfusion in Frage, aber ich glaube, er wollte es gar nicht genau wissen. Es hätte ja nichts geändert, ein Medikament gab es damals noch nicht. Wir sprachen über die Angst vor dem Sterben. Und das Bedürfnis, nun erst recht zu leben – und zu feiern. Seinen 30. Geburtstag haben wir tatsächlich als gigantische Party im gerade neu entdeckten Ostteil der Stadt begangen.

Er war der erste Freund, den ich habe sterben sehen. Was er sich zur Beerdigung wünschte? Eine Party. Was ich von ihm gelernt habe? Die größte Herausforderung im Leben sind nicht Heldentaten, sondern die eigene Angst. Und, noch schwerer, die Angst der anderen. Er ist bis heute mein Vorbild, wenn es um den Umgang mit schwierigen Themen geht. Aids ist heute nicht mehr tödlich, was von Corona so nicht gesagt werden kann. Doch gegen Viren helfen weder Hysterie noch Verdrängung, auch kein Feierverbot. Sondern, sich richtig zu informieren und konsequent danach zu handeln.