Stadtflucht

Diese verdammten Tiere!

In unserem Garten ist der wichtigste Begriff derzeit die Reproduktionszahl. Vom schwierigen Umgang mit der Natur erzählt Uta Keseling.

Reporterin  Uta Keseling  pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Reporterin Uta Keseling pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

An einem Junimorgen stand mein damaliger Nachbar, es ist schon einige Jahre her, im Schlafanzug im Kartoffelbeet und zielte mit einem veritablen Revolver auf seinen Kirschbaum. Bevor er abdrücken konnte, stob aus der Krone eine schwarze Wolke aus Vögeln. Kreischend rauschten die Stare davon, und der Nachbar drehte sich schimpfend zu mir um. Seine Frau habe ihm das Schießen zwar verboten, murrte er. „Aber was soll ick machen? Diese elenden Diebe!“

Es war das erste Mal, dass mir Tiere als Feinde begegneten. Bisher war mein Teilzeit-Landleben friedlich verlaufen, wenn man von einigen durch die Katze ermordeten Mäusen absah. Wobei Katzen Mäuse ja nicht als Feinde ansehen, sondern als essbare Spielsachen. Tiere töten, aber sie hassen nicht.

Was man vom Menschen nicht behaupten kann – wenn man ehrlich ist, nicht mal von sich selbst. In unserem Garten ist derzeit der wichtigste Begriff die Reproduktionszahl. Morgens und abends wird gesammelt und gezählt – und dann, nun ja. Es geht um Kartoffelkäfer. Sie sind zurück, seit die Nacktschnecken weg sind. Eimerweise habe ich die früher gesammelt und „zwangsumgesiedelt“ in ein mooriges Unland. Nachts krochen sie aber, glaube ich, alle wieder zurück. Bis die Hitze der vergangenen Sommer ihnen den Garaus machte. Dafür sind jetzt diese Käfer da.

Über den Gartenzaun hörte man auch von nächtlichen Schüssen

Während ich neulich in Berlin war, kursierten in meinen Dorf-Netzwerken niedliche Tiervideos von Waschbärenbabys. Als ich im Hintergrund unseren Schuppen erkannte, fragte ich nach. Ja, wurde mir gesagt, die ganze Nachbarschaft sei entzückt. Die einen fütterten Grießbrei, die anderen zimmerten eine kleine Leiter, damit die flauschigen Tierchen unversehrt zurück ins Waschbärennest unterm Dach einer Scheune kämen.

Nach einer Woche war das Glück dann vorbei. Eine Nachbarin erzählte ihren Enkeln noch etwas lahm, die Puschelbärchen seien „ausgezogen in die Natur“. Doch über den Gartenzaun hörte man auch von nächtlichen Schüssen. Niemand weiß nichts Genaues, natürlich. Doch die Waschbären – naturgeschützt, aber in der Überzahl zerstörerisch – sind weg.

Man sagt ja, dass Haustiere während Corona wichtiger geworden sein sollen. Was sicherlich stimmt, aber nicht immer so, wie man denkt. Neulich rief mich eine Freundin an, sie ist über 80 und lebt allein – dachte ich. Aber nein: Ihr werde das jetzt alles zu viel, schimpfte sie, nie habe sie ihre Ruhe im Haus. „Überall sind diese verdammten Tiere!“

Ein seltsamer Vogel mit vier Beinen im Vogelhäuschen

Erst hatte sie Motten. Gemeinsam mit ihrer flugs angereisten Tochter fror sie eine Nacht lang Wollsachen ein, wischte Schränke und scheuchte staubiges Flügelvolk aus dem Haus. Etwas später beobachtete sie an ihrem Vogelhäuschen einen seltsamen Vogel mit vier Beinen – „Eine Ratte! Wir leben in einer Rattengegend!“ Das empörte sie umso mehr, als sie tatsächlich in einer gutbürgerlichen Gegend lebt, in der zum guten Ton auch die Achtsamkeit gegenüber der Natur gehört. Man ernährt sich gesund – und hat deswegen Komposthaufen. Und Ratten.

Etwas versöhnt haben sie dann die Ameisen. Die hatten sich unter dem Fuß ihres Sonnenschirms familiär eingerichtet. „Hunderte, nein, tausende Eier“, meine Freundin war hin- und hergerissen zwischen Empörung und wissenschaftlicher Begeisterung für andere Lebensformen. In nur drei Stunden hätten die Ameisen ihren werdenden Nachwuchs beiseite geschafft. „Ich will gar nicht wissen, wohin, aber diese Leistung hat mich beeindruckt.“

Vorsichtshalber, meinte sie noch, werde sie am Abend nun die Waschbären in ihr Gebet einschließen. „Damit die jetzt nicht auch noch zu uns kommen.“