Stadtflucht

Gemeinsam drängeln gegen Corona

Abstandsregeln gelten in Supermärkten, auf der Straße gelten die alten Regeln – jeder will der erste sein, beobachtet Uta Keseling.

Reporterin  Uta Keseling  pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Reporterin Uta Keseling pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Foto: pa/Montage BM

Berlin. Ich weiß nicht genau, wie oft ich von Freunden, aber auch Fremden in den letzten Wochen gehört habe: „Endlich! Ich war beim Friseur!“ Von wochenlang ausgebuchten Salons war die Rede, verzweifelten Kunden, unmöglichen Vorschriften wie etwa, beim Friseur eine Maske zu tragen. Inzwischen gehöre auch ich zu den glücklichen Wieder-Frisierten der Nach-Coronazeit.

Denn die große Begeisterung für frisch geschnittene Haare war kurz nach Aufhebung der Beschränkungen schnell wieder vorbei. Das erzählte mir meine Friseurin. Kaum hatte sie ihren Rhythmus aus Waschen, Schneiden, Desinfizieren gefunden, ihren Salon mit Desinfektionsmittel und Einmal-Umhängen eingerichtet, saß sie wieder allein im Salon. So kam ich spontan zu meinem Termin. Sie erzählte begeistert, wie froh sie gewesen sei, uns alle wiederzusehen. Danach schwenkte sie um, wie früher auch, zu den wirklich wichtigen Fragen des Lebens. Die Schulen ihrer Kinder, die solidarischen Nachbarn in unserem Kiez, die Politik. Wer etwas übers wirkliche Leben erfahren will, muss zum Friseur gehen. Als ich wieder auf die Straße trat, tat ich es mit dem Gefühl, mit den abgeschnittenen Haaren auch diese Monate hinter mir zu lassen, in dem man keinen Schritt tun konnte, ohne das C-Wort zu denken, zu hören oder zu fühlen. Gleichzeitig beschlich mich die Ahnung, genau das könnte ein Trugschluss sein.

Vom Friseur lief ich zum U-Bahnhof, der bei uns gleichzeitig lebhafter Treffpunkt ist. Nachmittags ist es unmöglich, den umhertollenden Kindern und Hunden auszuweichen, den Radfahrern aus allen Richtungen, den taschenbepackten Rentnern, den langhaarigen Rollstuhlfahrern aus dem alternativen Wohnprojekt um die Ecke, den Bedröhnten der Drogenszene.

Wie früher stellten sich mir drei hippe Leute in den Weg, die für Tierschutz, Menschenrechte, Klima oder alles zusammen warben. Außerdem hatte die Polizei mitten im Chaos einen Wagen auf dem Bürgersteig geparkt und verkündet, Raser und Protzfahrer zu kontrollieren, was allgemein Kopfschütteln verursachte. Die Protzfahrer kommen meist erst nach Feierabend, wenn die Shisha-Bars voll sind. Dann haben sie Publikum, aber die Polizei offenbar Feierabend.

Allein die gigantische Fahrrad-Warteschlange an der Ampel erinnerte mich daran, dass nicht alles so ist wie früher. Wie stellt man sich mit zehn der gar 20 Radfahrern bei Rot „distanziert“ auf?, fragte ich mich. In der Reihe? Nebeneinander? Ist es okay, wenn die langsamsten Fahrer seelenruhig an der behelmten Mehrheit vorbei fahren und sich an die Spitze setzen? Bei Grün löst sich der Pulk der Wartenden dann regelmäßig in einer Traube auf. Um nicht zu eng nebeneinander zu fahren, weichen die einen auf den Bürgersteig aus, die anderen in den Autoverkehr.

Während ich zwei uniformierte Ordnungsamts-Mitarbeiter beobachtete, die mit prüfenden Mienen einen Falafel-Imbiss betraten, dachte ich an meine Friseurin. Wieso gelten die Regeln für die einen und für andere nicht? Warum sind Geschäfte, Imbisse, selbst Schwimmbäder mit Abstandsstrichen und Regelkatalogen durchorganisiert, während anderswo hemmungslos weitergedrängelt wird? Hätte man nicht ein paar gelbe Streifen der „Pop-up-Radwege“ für Abstandsbereiche an Ampeln verwenden können? Dasselbe gilt bei der BVG. Abstandsstriche oder Lauf-Regelungen gibt es nicht. Besonders in U-Bahnen wird derzeit schon wieder gedrängelt wie vor dem Lockdown; längst nicht jeder trägt Maske. Der Spruch, der dazu in den BVG-Anzeigetafeln in Dauerschleife läuft, klingt inzwischen wie ein schlechter Witz: „Gemeinsam gegen Corona“.

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