Kolumne „Stadtflucht“

Wir sollten auch für die Wirte klatschen

Pizzaessen als Straßenkampf – das ist Kreuzberg. Auf dem Dorf kann ein Kneipenbesuch auch eine Reise in die Vergangenheit sein.

Foto: pa/Montage BM

Ich glaube, ich habe noch nie so viel Bier, Pizza und Latte Macchiato in den sozialen Netzwerken gesehen wie am vergangenen Wochenende. Berlin feierte die Wiedereröffnung der Gastronomie wie ein ausgelassenes Familienereignis. Jubel, Torten, Tränen des Wiedersehens – Cafés und Biergärten, so sah das aus, sind in Berlin definitiv auch systemrelevant.

Was ich nur vermisste, war das gemeinsame Klatschen am Ende des Tages. Mal im Ernst: Wie sollen die Wirte mit all den Abstandsregeln, Sondervorschriften und eingeschränkten Öffnungszeiten denn Geld verdienen? Und das alles ohne Touristen? So wichtig der Hauptstädter am Tresen selbstredend ist – ohne auswärtige Gäste würde es viele Restaurants wohl gar nicht (mehr) geben.

Wie bei jedem Familienfest wurde natürlich auch ein bisschen gejammert. Monika Herrmann, Bürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, beklagte auf Twitter, die Gehwege ihres Bezirks seien vollgestellt gewesen mit Tischen und Stühlen, „es gab keine Abstandsflächen, weder zwischen den Tischen noch für die Zufußgehenden“. Wer jetzt aber glaubt, nach Corona ziehe in Kreuzberg eine neue, spießige Ordnung ein, der irrt: „Das stärkt uns darin, dass wir Gastronomie nur auf dem Straßenland wollen!“, so die Grünen-Politikerin trotzig. Merke: Pizzaessen ist auch Straßenkampf. Zumindest in Kreuzberg. Irgendwie befürchte ich, dass die gerade wieder abgeschafften Parklets demnächst als Corona-Terrassen wiederauferstehen...

Dorfkneipe hat schon Tische und Stühle draußen

Ich selbst kann von diesen Ereignissen nur aus zweiter Hand berichten, ich war nicht dabei. Stattdessen fuhr ich mit dem Fahrrad durch grün wogendende Roggenmeere, lauschte an glitzernden Seeufern dem Rauschen der Bäume und trödelte durch fliedertrunkene Dorfstraßen. Fast ist schon Sommer.

Dann stand ich vor der Dorfkneipe im übernächsten Dorf – bei uns gibt es keine, im Nachbarort auch nicht. Überrascht sah ich, dass Tische und Stühle draußen standen, dazu die Karte – alles wie immer, so sah es aus. Damit hatte ich nicht gerechnet. Auch, wenn Brandenburg die Wiedereröffnung zeitgleich wie Berlin beschlossen hatte – auf dem Land dauert ja meist alles etwas länger. Viele Wirte haben angekündigt, erst zu Himmelfahrt wieder da zu sein.

Mit uns standen drei weitere Gäste am Eingang. Einer von ihnen stellte sich als ehemaliger Nachbar aus unserem Dorf heraus, der vor vielen Jahren weggezogen war (nach Berlin, wohin sonst). Großes Hallo, natürlich in corona-gerechter Distanz.

Wirtsleute selbst stehen an Herd und Tresen

Dann saßen wir auf der Terrasse und warteten auf Saftschorle und hausgebackenen Rhabarberkuchen. Aus der offenen Gasthaustür wehte der vertraute Geruch von Bratkartoffeln und Schnitzel wie schon immer. Hinter dem Hoftor krähte ein Hahn. Aus der Küche drang Geschirrklappern und Lachen. An Herd und Tresen stehen hier seit jeher die Wirtsleute selbst. Er ist auch Ortsvorsteher. Im Saal seines Dorfkrugs treffen sich je nach Jahreszeit Angler und Jäger, werden Jugendweihen und Hochzeiten gefeiert. Jeder kennt hier jeden. Zur Begrüßung klopft man einfach auf die Tische der anderen, und es ist alles gesagt.

Hier hat sich nie wirklich was verändert, sogar die Klos sind noch so wie zu DDR-Zeiten, mit Sprelacart-Klorollenhaltern und Alu-Türgriffen. Nur das Desinfektionsmittel auf dem Zigarettenautomaten im Flur erinnerte daran, dass sich die Zeit eben doch weiterdreht.

Als der Rhabarberkuchen kam, mit Baiserhaube, wie es sich gehört, erlag ich einer Versuchung und machte auch ein Foto für die sozialen Netzwerke. Ja, auch Wirte sind systemrelevant. Auf dem Dorf vielleicht noch mehr als in der Stadt.