Stadtflucht

Die Welt ist übrigens immer noch genauso so groß

Berlin sieht in diesen Tagen aus wie eine Kleinstadt am Sonntag. Aber auch dort können Menschen glücklich sein.

Uta Keseling

Uta Keseling

Plötzlich fühlt sich Berlin wieder so an wie zu Mauerzeiten. Ich erinnere mich, wie ich mich damals, in den 1980er-Jahren zugezogen, über die breiten, oft vier- oder mehrspurigen Straßen wunderte, auf denen es fast nie Stau gab und man jederzeit überall parken konnte – kostenlos. Ich stamme aus einer hessischen Kleinstadt, aus deren historischer Innenstadt man die Autos schon damals verbannt hatte. Lange suchte ich in Berlin vergeblich einen solchen Ort – keine tote Fußgängerzone, sondern einfach ein ruhiges Zentrum. Jetzt wirkt ganz Berlin wie eine Kleinstadt am Sonntag.

Man muss das nicht mögen, andererseits hat es durchaus seinen Reiz. Und bei allen Klagen, die ich im übrigen vollkommen berechtigt finde, weil es enorm hilft, seine Sorgen zu teilen: In Wahrheit ist ja die Welt durch Corona, geschlossene Grenzen, Spazier-, Ausgeh- und Ausflugs-Einschränkungen nicht kleiner geworden. Auch in Kleinstädten können die Menschen glücklich sein. Sie tun aber in ihrer Freizeit oft andere Dinge.

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Was sie machen? Gucken Sie mal aus dem Fenster. Wo die Menschen bei uns in Kreuzberg sonst Tag und Nacht an oder auf dem Gehweg herumstehen, sitzen, rauchen, trinken, palavern oder auch ihre Autos parken, wird jetzt gejoggt, man geht spazieren, und immer mehr Menschen fahren Rad. Das sagt auch der Fahrradhändler an der Ecke. Obwohl nur zwei Kunden gleichzeitig ins Geschäft dürfen, verkauft er mehr Fahrräder als sonst um die Jahreszeit. „Die Leute wollen eben nicht mehr BVG fahren.“ Was ich persönlich etwas befremdend finde, ist die neue Art Müll, die man in der Stadt herumliegen sieht – gebrauchte Latexhandschuhe und gebrauchte Atemschutzmasken. Keine Ahnung, was das soll – eine neue Form, zu sagen: „Wir haben’s ja“?

Auf dem Land geht es in Corona-Zeiten um Internet und Wlan

Auf dem Land ist die Veränderung gegenläufig. Auf der Straße geht es jetzt nicht nur um den neuesten Gartenschuppen und die beste Quelle für Pferde- oder Kuhmist als Dünger fürs Beet. Der Biobauer hatte seinen Mist neulich so schnell auf den Feldern verteilt, dass für uns nichts mehr übrig war. Nein, jetzt geht es um Router. Um Wlan, Internet, Festnetzanschlüsse. Auf den einschlägigen Funkloch-Karten hat unser Dorf ein Loch. Die Grenze zwischen der Welt mit und ohne Handyempfang läuft quer durch unser Wohnzimmer. Jetzt wollen alle erreichbar sein – für die Verwandten im Ausland, aber auch für die Nachbarn. Der Schwatz über den Gartenzaun ist abgelöst worden durch die Nachbar-Whatsapp-Gruppe – vorausgesetzt, man kommt irgendwie ins Netz.

Erinnern Sie sich noch an die Katzenfrage? Ich war ganz gerührt, wie viele Leserinnen und Leser mich bei der Entscheidung beraten haben, ob ein neues, fremdes Tier in unser Leben (und diese Kolumne) einziehen soll, nachdem die fremde Katze im Februar gestorben ist. Vielen Dank dafür! Einerseits: Ja, sie fehlt immer noch, auch wenn wir, ehrlich gesagt, das Meisennest im Nistkasten dieses Jahr mit weniger Sorge betrachten als früher.

Andererseits hatten wir neulich Besuch. Der „Sohn“ ist wieder aufgetaucht. Er sieht fast genauso aus wie die fremde Katze, nur eben als Kater, was kein Wunder ist, denn er ist ihr Sohn. Er gehörte zu ihrem ersten Wurf. Die Katze hatte sich in einen alten Koffer unterm Bett geschlichen, wir erfuhren erst davon, als die drei Katzenbabys da waren. Der „Sohn“ wohnt bei Nachbarn. Wir dachten, er sei im Winter überfahren worden, das hatte man sich erzählt. Jetzt ist er doch noch da und kommt uns ab und zu besuchen. Das einzige, was ich nicht weiß, ist: Vermisst er seine Mutter? Oder sind freilaufenden Dorfkatzen ihre Verwandtschaftsverhältnisse egal?