Kolumne Stadtflucht

Achtung, die „Bouletten“ kommen wieder

Berliner sollen keine Ausflüge nach Brandenburg mehr machen. Das weckt ungute Erinnerungen – auf beiden Seiten.

Reporterin  Uta Keseling  pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Reporterin Uta Keseling pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Foto: pa/Montage BM

Als wir noch neu waren auf dem Dorf, stand ich eines Tages mit Handwerkern in unserem Haus, als vor dem Fenster ein Jaguar vorbeifuhr. Normal donnern da natürlich Traktoren vorbei, dazu jahreszeitbedingt unterschiedliche dieselgetriebene Maschinen. Der Jaguar war neu. Ein Handwerker reckte den Hals aus dem Fenster, drehte wieder um und sagte etwas verächtlich „Boulette“. Damit war das Interesse an dem Luxusauto plötzlich erlahmt. Es war kein Nachbar, der plötzlich zu Reichtum gekommen war, sondern einfach ein reicher Berliner. So verstand ich das damals.

Danach vermieden wir das B-Wort eine Weile tunlichst. Wer will schon gern eine „Boulette“ sein? Bis wir lernten: Wir waren gar keine. „Bouletten“ nannten sie im Dorf zu DDR-Zeiten die Ost-Berliner, die am See Sommerhäuser besaßen, mit eigenen Autos anreisten statt mit dem Bus. Und die von allem immer ein bisschen mehr hatten als der Rest der Republik. So zumindest die Legende. Menschen wie wir gehörten in die Kategorie „Wessis“, denen man aufgeschlossener gegenüberstand. Schließlich hatte fast jeder Verwandte im Westen, dort mal gelebt, wollte noch hin – und kannte sich überhaupt in der alten Bundesrepublik besser aus als wir.

Ich dachte, das alles wäre längst vorbei, bis ich zuletzt aus Berlin zurück ins Dorf kam. Ein Hüsteln am Beet reichte, da klang es über den Gartenzaun: „Na, Corona?“ An dem Tag gab es die ersten drei Corona-Fälle im Landkreis, zwei von ihnen waren Wochenend-Berliner wie wir. Über den Nachbarzaun hörte ich auch von Polizeikontrollen – zunächst an der Landesgrenze zu Mecklenburg-Vorpommern, die von uns nicht weit weg liegt, und über die manche aus dem Dorf zur Arbeit fahren. Würde nun zwischen Berlin und Brandenburg auch kontrolliert, wollte jemand wissen. Falls ja, könnte man doch die alten „Grenzkontrollpunkte“ an Dreilinden und Stolpe wieder öffnen? Es war als Witz gemeint, aber es stimmt: Teile der Anlagen sind noch da. Und ja, es gibt wohl auch Menschen, die die Mauer gern wiederhätten. Wenn auch aus anderen Gründen als Corona.

Schwierige Frage: Wer darf nun weiterhin ins Nachbar-Bundesland „ausreisen“ und wer nicht? Wer sind denn diese Berliner, die angeblich in Scharen das Virus ins Flächenland tragen? Sicher, sobald die Sonne scheint, sind Seen, Ufer und viele Marktplätze in Brandenburg voller Menschen. Aber hat es Sinn, allein den Berlinern den Aufenthalt dort zu verbieten? Was ist mit Menschen aus Potsdam, Brandenburg oder Prenzlau? Und wie soll das gehen? „Weg da, Sie Boulette?“ Die Zeiten, in denen man Städter und Dörfler oder Wessis und Ossi schon an der Kleidung unterscheiden konnte, sind lange vorbei. Und auch sonst wird es schwierig. Auch, wenn die Bundesländer nach wie vor nicht vereint sind – die Menschen sind es längst.

In unserem Dorf sind heute fast alle ein bisschen „Bouletten“. Es gibt Nachbarn, die im Dorf geboren sind, jahrzehntelang in Berlin gelebt haben, dann zurück ins Dorf zogen. Kinder und Enkel leben noch in Berlin. Pendler fahren zwischen Berlin und dem Dorf hin und her, liefern in Berlin Lebensmittel aus, stellen Pakete zu, bauen Häuser. Unsere neue Pfarrerin stammt aus der Schweiz, ihr beruflicher Weg in unser Dorf führte, natürlich, über Berlin. Es gibt Berliner Journalisten, Filmleute, Autoren, die im Dorf leben und meist hier arbeiten. Homeoffice gab es schon lange vor Corona, jetzt erst recht. Als gelernte Berlinerin habe ich inzwischen alle Ausweise und Dokumente dabei, für den Fall des Falles. Ich fände es aber besser, wenn wir ohne neue Grenzkontrollen auskämen.