Kolumne „Stadtflucht“

Können uns Haustiere helfen?

In unserem Garten klafft seit ein paar Wochen eine katzenförmige Lücke. Eigentlich wollten wir kein neues Tier, aber jetzt ...

Reporterin  Uta Keseling pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Reporterin Uta Keseling pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Foto: pa/Montage BM

Nein, es ist nicht alles schlecht, das weigere ich mich zu glauben. Man kann sich davon überzeugen, indem man einfach mal aus dem Fenster schaut. Ich weiß jetzt nicht nur, wie emsig in Kreuzberg jeden Morgen der Bürgersteig gekehrt wird, sondern auch, dass in der rissigen Hauswand gegenüber ein Spatzenpaar nistet und offenbar vogelmäßigen Spaß hat. Ich kenne die Angeber-Amsel, die abends von der Spitze der Kastanie ihre Nachrichten in den Hof schmettert. Und ich bewundere die Natur, die sich dieser Tage so gegen den eisigen Wind stemmt, als wolle sie uns damit etwas sagen.

Denn es ist so: Während dem Menschen beim Spaziergang die Nase friert, sonnen sich in den Gärten genüsslich die Osterglocken, Tulpen und Blausterne. Bei uns haben trotz Nachtfrost die letzten Sellerie, Mangold, Spinat, drei vergessene Möhren und sogar ein Salatkopf diesen sogenannten Winter überlebt, der ja bisher frostfrei war. Auf meinem Kreuzberger Balkon blüht der Rosmarin, es gab auch schon Walderdbeeren. Wozu nach Italien reisen?

Nachts höre ich Pfoten, wo keine sind

In meinem Land-Leben dagegen klafft seit einigen Wochen eine katzenförmige Lücke. Noch immer schaue ich, wenn ich dort bin, vorsorglich nach unten, bevor ich loslaufe, weil das Tier ja gern mal auffällig-unauffällig im Weg herumstand oder lag. Gerade vor Mahlzeiten. Nachts höre ich Pfoten, wo keine sind. Und im Garten gibt es jetzt ein kleines Beet, das wir mit etwas dekoriert haben, das die fremde Katze ganz besonders gern mochte. Zwischen Stiefmütterchen steht ihr Fressnapf. Leer. So, wie sie ihn hinterlassen hat.

Ob Tiere wissen, was Sterben ist, kann man nicht genau sagen. Aber jeder, der einmal ein Tier bis zum Ende begleitet hat, wird seine Meinung dazu haben. Die fremde Katze war fast 15. Wer diese Kolumne liest, weiß, dass wir mit ihr, einer Dorfkatze, die eigentlich gar nicht zu uns gehörte, sehr viele schöne, lustige, haarige, aber auch nachdenkliche Momente erlebt haben.

Katzen fallen gern mal vom Stuhl, sie können nicht lachen, aber dafür unfassbar beleidigt sein. Sie wollen dabei sein, aber bitte nur nach ihren eigenen Regeln. Sie wollen zum Beispiel im Gartenbeet liegen, und zwar genau dort, wo man umgräbt. Keine Katze würde sich dagegen je auf eine Computertastatur legen – außer, wenn sie gerade benutzt wird.

Die Katze war zuletzt sehr krank

Zuletzt war das Tier sehr krank, selbst der Tierarzt war ratlos. Sie suchte sich abgelegene Plätze, unter Schränken, in der Gästetoilette, unter der Haselnuss. Auf dem letzten Foto, das ich von ihr gemacht habe, sitzt sie unter der Küchenspüle, nur die Schwanzspitze schaut noch heraus. Vielleicht wollte sie, dass wir sie so in Erinnerung behalten.

Eigentlich war klar, wir wollen kein neues Tier. Es wäre unverantwortlich, schließlich waren wir bisher nicht durchgehend im Dorf, auch wenn sich das durch Corona gerade ändert. Die fremde Katze hatte mehrere Gastfamilien (die wir nie kennengelernt haben). Sie kam und ging, wie sie wollte. Jetzt fehlt sie uns. Auch die Nachbarn haben schon gefragt, ob wir denn eine neue Katze haben werden. Als wir verneinten, wurden uns Hühner vorgeschlagen. Oder Bienen.

Dann doch lieber eine Katze. Oder? Bei aller Rührung muss man ja sagen: Katzen sind auch Individuen, sich aber am Ende doch ziemlich ähnlich. Es fällt leichter, sich an eine neue Katze zu gewöhnen als zum Beispiel an einen Hund. Und möglicherweise würde so ein Tier uns auch über die Zeit der „Vereinzelung“ hinweghelfen? Ich bin nicht sicher, habe ja schon überlegt, wir könnten sie „Corona“ nennen. Möglicherweise würde das aber nicht nur die Katze nicht witzig finden. Was meinen Sie? Katze oder keine Katze?