Kolumne Stadtflucht

Coronavirus: Wie die Krise uns alle gerade verändert

Das Gefühl, wenn sich das Leben in ein Davor und Danach teilt, kennen viele Berliner. Warum Uta Keseling sich an 1989 erinnert fühlt.

Reporterin Uta Keseling pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Reporterin Uta Keseling pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Foto: Reto Klar / Funke Foto Service / FUNKE Foto Services

Berlin. Eine Weile habe ich mich noch dagegen gesträubt, aber es ist wohl nicht zu leugnen: Wir leben in Zeiten des Davor und Danach. Immer wieder ertappt man sich jetzt bei dieser Frage: Ist das jetzt noch wichtig, jetzt in der Krise? Termine, Pläne, feste Vorhaben – bis vor wenigen Tagen schien unsere Lebensplanung in Stein gemeißelt, jetzt wird mit der Corona-Krise vieles hinfällig.

Reisen sind geplatzt, Verabredungen abgesagt, ja selbst medizinische Behandlungen ins Unbestimmte verschoben, wenn sie nicht lebenswichtig sind. Unser ganzes Leben wird jetzt hinterfragt: Was ist denn wirklich wichtig? Was brauchen wir?

Und während wir, ganz ehrlich, zumindest im Geiste unseren Stauraum für eventuelle Hamstervorräte überschlagen, ändern sich plötzlich ganz andere Dinge. Nachbarn bekommen Namen. Das Telefon klingelt häufiger. Im Radio und Fernsehen laufen den halben Tag Nachrichten. Und selbst Menschen, die das Internet sonst eher meiden, interessieren sich plötzlich fürs Digitale. Wenn es die wichtigsten Informationen zuerst auf dem Handy gibt, also bitte: Wie geht das? Nicht nur ich habe zuletzt sicher öfter anderen Menschen erklärt, wie man sich eine Zeitungsapp aufs Handy oder auf das iPad lädt.

Wenn Sie, wie ich, schon ein paar Jahre älter sind, werden Sie vielleicht auch einem Gefühl wiederbegegnet sein, dass wir in Berlin zuletzt gemeinsam vor 30 Jahren teilten: Den Eindruck, dass sich die Welt schneller ändert, als wir selbst es fassen können. Es ist ein bisschen, als stünde man einerseits am Gleis und sähe den Zug vorbeifahren, in dem man selbst sitzt. Historische Momente sind so. Im Guten wie im Schlechten fangen sie gern klein an – in meinem Fall im Supermarkt.

Im November '89 war der "Bolle" plötzlich leergeräumt - fast wie heute

Ich erinnere mich gut, wie ich am 10. November 1989 ratlos am „Bolle“ um die Ecke stand, wo sich Menschen in einer langen Schlange angestellt hatten. Im Geschäft waren die Regale für Kaffee, Bananen und Sekt leer geräumt. Ähnlich fassungslos wie damals stand ich dieser Tage an den leeren Toilettenpapier- und Nudelregalen bei Edeka in Kreuzberg.

Natürlich sind die Zeiten des Mauerfalls nicht mit der aktuellen Pandemie zu vergleichen. Die Wucht der Gefühle, die solche Momente auslösen, ist es schon. Natürlich überwog bei den meisten die Euphorie über die erkämpfte Freiheit. Doch bei vielen gab es auch große Ängste. Zuerst ganz konkret vor einem militärischen Eingreifen. Danach gab es im Westen böses Blut, weil man um Arbeitsplätze und Wohlstand fürchtete. Und für jeden DDR-Bürger teilt sich die Zeit seit 1989/90 unweigerlich in ein Davor und Danach, ob nun im Guten oder im Schlechten.

Plötzlich begann ich, Erinnerungen an die DDR zu sammeln

So wird es auch diesmal sein. Ich erinnere mich, dass ich damals schnell anfing, reale wie immaterielle Erinnerungen an die DDR zu sammeln. Erinnerungen an das andere Miteinander, das ich als Wessi erst nach dem Mauerfall kennenlernte. Man gab sich die Hand, man hörte sich zu. Man besuchte sich ohne Verabredung, wenn man Lust dazu hatte. Man nahm sich Zeit füreinander. Ich machte Fotos, hob schöne Verpackungen auf (ich habe noch eine Tüte DDR-Schokopudding) und merkte mir Wörter wie „urst“, das damals so inflationär verwendete wurde wie heute „krass“.

Was werden wir aus der Corona-Krise zurückbehalten, außer einem besseren Hygieneverhalten und sehr viel Toilettenpapier? Vielleicht ein neues Gefühl für Zeit und wie wir sie miteinander nutzen. Und noch etwas ist neu: Wir haben gerade gemeinsam gelernt, dass man sich irren kann. Corona? Harmlos, dachten wir erst. Tja. Aber irren ist menschlich. Und aufs Menschliche, lernen wir jetzt, kommt es mehr an, als man dachte.

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