Kolumne „Stadtflucht“

Als in Berlin noch einige Dinge verboten waren

Kiffen, Saufen, Drogenhandel im Park – Berlin gilt als Stadt, in der nichts wirklich verboten ist. Doch es gab auch andere Zeiten.

Reporterin  Uta Keseling  pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Reporterin Uta Keseling pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Foto: pa/Montage BM

Als ich 1988 meine erste eigene Wohnung bezog, bekam ich nach wenigen Tagen Post von der Hausverwaltung. In einem hochamtlichen Schreiben teilte man mir mit, dass Fußmatten in diesem Haus strengstens verboten seien. Ebenso das „Abstellen von Latschen“ vor der Wohnung und das „Bekleben“ der Wohnungstür.

Etwas verwundert holte ich meine Fußmatte nach drinnen und fitzelte meinen Namen wieder von der Wohnungstür, wo ich ihn provisorisch angebracht hatte, weil es keine Klingel gab und deswegen auch kein Schild.

In dem Neuköllner Altbau war ziemlich wenig so, wie ich es kannte, aber ich war lernbereit, auch für neue Regeln. Keine Klingeln, kein Türsummer, also auch kein lauter, dreckiger Besuch – so lautete offenbar die einfache Regel der Berliner Vermieter. Die Hauswartsfrau fragte mich beim Einzug unverblümt nach Freundschaften aus und lobte den Vermieter, der keine „Ausländer“ akzeptiere.

„Durchsteckschlüssel“ sollte Besuch möglichst verhindern

Um angekündigten wie ungebetenen Besuch möglichst zu verhindern, hatten Berliner den „Durchsteckschlüssel“ erfunden, ein geheimnisvolles Werkzeug mit zwei Bärten und zwei Enden, das den Benutzer zwang, nach dem Öffnen die Hoftür hinter sich wieder abzuschließen, sonst konnte man den Schlüssel nicht wieder herausziehen.

Besuchte man Freunde in Altbauten, tat man gut daran, sich genau erklären zu lassen, wo genau ihre Wohnung lag. Denn statt Klingeln und Namensschilder hing im Hofdurchgang zum Hof nur ein sogenannter „stummer Diener“: Ein Holzrahmen, in dem die Namen der Mieter samt Wohnungsbezeichnungen aufgelistet waren, die wiederum meist allerdings nur aus kryptischen Kürzeln bestanden. „SFI“ bis „SFIII“ stand dabei für den ersten, zweiten und dritten Seitenflügel, „QG“ für das Quergebäude, das aber verwirrenderweise auch Gartenhaus oder Hinterhaus heißen konnte.

Wenn die Türen in Außenklos führen

Die Türen auf halber Treppe führten nicht in Wohnungen, sondern in die Außenklos - auch ich hatte ein solches. Zur Ausstattung meiner Einzimmerwohnung gehörten ein Kachelofen, ein Nachttopf und tragbarer Kerzenleuchter. Das Klo im Flur war nicht beleuchtet und nicht beheizt, was nicht nur meine Gäste unwirtlich fanden.

Ich hatte, wie gesagt, schnell den Verdacht, dass die altertümliche Ausstattung der Altbauten damals Strategie war. Bestätigung fand ich nun in einem Kreuzberger Altbau, in dessen Hofdurchgang man eine alte Beschriftung hat hängen lassen: „Der unnütze Aufenthalt auf Fluren u. Treppen, das Umherstehen vor der Hausthüre ist streng verboten. Der Wirth“.

Als ich das Schild sah, musste ich lachen. Nicht nur wegen des altmodischen „th“ und weil es mich an meinen einstigen Neuköllner „Hauswirth“ erinnerte. Sondern auch wegen der Vorstellung, jemand würde im heutigen Berlin so ein Schild aufhängen. Berlin ist bekannt für seine liberale Einstellung. Kiffen, Saufen, Gewalt, selbst Drogenhandel in der Öffentlichkeit fallen unter das „Kann-man-nüscht-machen“-Gesetz. „Unnützes Herumstehen“ zu verbieten, würde mit Sicherheit zu Empörung führen. Wegen Ausgrenzung von sozialen Gruppen und so weiter.

Heute wachen Kameraaugen über Hausflure und Höfe

Statt Schildern und Hauswarten wachen heute Kameraaugen über Hausflure und Höfe. Nur bei unserem Edeka nebenan ist das „unnütze Umherstehen“ noch üblich. Die Betreiber tolerieren auch ein gewisses Maß an Bettelei. Warum? Weil die Kunden das so wollen. Sie finden, Armut gehört irgendwie dazu. Es gibt allerdings eine Regel für alle: Drogen, exzessives Saufen und Gewalt sind verboten. Und weil der Platz vorm Edeka Privatgelände ist, wird diese Regel meist auch befolgt.