Stadtflucht

Nackte Weiber im Schlosspark

Seit ein Millionär das Gutshaus samt Park mitten im Dorf gekauft hat, sprießen die Fantasien ins Kraut, was er dort vorhat.

Uta Keseling pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Uta Keseling pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Foto: pa/Montage BM

Es begann mit einem Loch. Mitten im Winter, zu der Zeit also, wenn es im Dorf immer besonders leise ist und nicht mal die Hühner mehr Eier legen, grub jemand im Schlosspark eine tiefe Grube. Zuerst fiel es niemandem auf, der Park ist seit DDR-Zeiten zugewuchert.

Damals diente die einstige Residenz eines Berliner Holzhändlers als Kinderheim. Nach dem Mauerfall war das Gebäude lange leer und schien unverkäuflich. Dann hatte jemand einen Teil des Hauses restauriert und das Areal danach für mehrere Millionen Euro wieder verkauft. An wen, wusste bisher niemand.

Das Loch ist da, wo bisher der Schlossteich lag. Im Frühsommer sangen hier bisher immer die Unken, es gab Seerosen, einen Specht und dicke Eichhörnchen. Jetzt ist alles kahl. An einer Stelle, wo man durch die Schlossmauer schauen kann, stehen jetzt oft Menschen und schauen den Baufahrzeugen zu, die gefällte Bäume und Büsche zusammenschieben, Löcher und Gräben ausheben. Sogar einen eigenen Brunnen hätten sie gebohrt, wusste ein Nachbar zu berichten. Mit dem Trinkwasser solle die neue Teichlandschaft wieder aufgefüllt werden. „Wofür das denn?“, wollte ich wissen. „Na, für die nackten Weiber!“

Aus dem Schloss, erzählten die Männer an der Mauer, solle eine Art Frauen-Traumlandschaft werden. Nackte Körper rekelten sich da in Saunen und an verträumten Teichen – zumindest vor dem inneren Auge mancher Nachbarn.

Berliner Technoszene hatte das Schloss für sich entdeckt

Andere regten sich auf. Der Schlossherr wolle das halbe Dorf umbauen und plane großzügig neue Häuser und Parkplätze, und das auch in ihren Gärten – also auf Flächen, die ihm gar nicht gehörten. Die nächsten beschworen Blechlawinen und arrogante Berliner am Badesee als Gruselvorstellung. Nicht ganz ohne Grund, denn es hat tatsächlich Zeiten gegeben, in denen die Berliner Technoszene das Schloss für sich entdeckt hatte, um dort lautstark bei schlechter Musik zu heiraten. Die größte Empörung löste die Tatsache aus, dass auch ein Fußweg zum See verschwinden soll – zugunsten des Schlossparks.

Weil ich das Schlimmste befürchtete, googelte ich unser Dorf, und siehe da: Ein Teil Wahrheit steckt tatsächlich in den Gruselgeschichten. Die gute Nachricht: Es wird kein Bordell geben. Der neue Schlossherr ist ein Erbe aus Westdeutschland, der in Immobilien, Start-ups und Kunst investiert. Er lebt teils in Südfrankreich und lässt sich gern für sein soziales und gesellschaftliches Engagement porträtieren. Und er redet offenbar gern über Verantwortung für die Menschen. Ich fand auch den Bebauungsplan, in dem von einem „touristischen Angebot“ die Rede ist, das die zuständige Kleinstadt begrüßt.

Wir beschlossen, den Schlossherrn erstmal einzuladen

Als ich das nächste Mal an der Schlossmauer vorbeikam, war die Gruppe der Empörten gewachsen. Vermesser waren im Dorf gewesen und hatten überall grellorangene Punkte gesprüht. Das Misstrauen war auch deshalb groß, weil vor einigen Jahren schon einmal Investoren durchs Dorf gelaufen waren. Damals verteilten sie großzügig Geld, um für gute Stimmung in Sachen Windkraft zu sorgen. Neue Windräder sollten am Dorfrand entstehen. Das kam heraus, als die Leute bei der Feuerwehr gewesen waren.

Wir überlegten, was wir nun tun sollen. Einerseits will niemand Massentourismus. Dorfbewohner sind auch keine Bauernstatisten, im ländlichen Ambiente inkludiert wie Schafe und Kühe. Also beschlossen wir, den Schlossherrn erstmal einzuladen. Vielleicht möchte er uns ja erklären, was er vorhat. Und sich anhören, was wir denken. Wir erzählen ihm dann auch gern, wie das mit uns und der Windkraft damals war. Neue Windräder wurden seitdem jedenfalls nicht gebaut – also, nicht bei uns.