Stadtflucht

Wie die Bahn den Koffer neu entdeckte

Wie die DeutscheBahn Familien und Gepäck entdeckt. Beobachtungen aus dem neuen ICE 4 von Uta Keseling.

Uta Keseling

Uta Keseling

Foto: dpa/Uta Keseling

Berlin. Die Bahn will sich stetig verbessern und untersucht dabei natürlich auch immer die neuesten Wünsche ihrer Kundschaft. Was interessant ist, denn so erfährt man auch etwas über sich selbst. So hat die Bahn kürzlich festgestellt, dass offenbar immer mehr Reisende Koffer benutzen. So zumindest verstand ich die Werbung, mit der mich neulich ein ICE 4 von Hamburg nach Berlin empfing: „Der neue ICE 4 – jetzt mit noch mehr Platz für Gepäck!“

Tatsächlich gab es in dem Waggon Regale für Koffer. Warum auch nicht? Andere Züge haben ja auch Gepäckfächer, meist über den Sitzen. Früher hatten Personenzüge auch Gepäckwagen, in denen man sperrige Koffer und sogar Fahrräder verstauen konnte. Kann es sein, dass diese Dinge bei der Bahn einfach in Vergessenheit geraten sind? Oder dass sie, um im Bild zu bleiben, das Rad immer wieder neu erfindet?

Dann wurde ich abgelenkt von zwei Müttern, die sich mit anderen Fahrgästen darum stritten, dass ihre Kinderwagen im Gang standen. Gut, dachte ich, vielleicht stößt die Bahn ja bei der nächsten Kundenbefragung auf das Phänomen der reisenden Familie. Schließlich kommen Familien im wirklichen Leben ja ungefähr so oft vor wie Koffer, sind also eigentlich schwer zu übersehen. Im ICE werden sie allerdings in eigene Abteils gesperrt, erfuhr ich dann, in die die Kinderwagen nicht reinpassen. Vielleicht fahren viele Familien deswegen oft lieber in Regionalzügen. In „RE“- und RB“-Zügen gilt nämlich das umgekehrte ICE-Prinzip. Ob Biertrinker, Großraumfahrräder, Großfamilien oder Schulklassen mit Skiausrüstungen – mitgenommen wird dort unkompliziert alles, was reinpasst – zumindest ist das meine Beobachtung an anderen Tagen als Pendlerin. Dann wird bis Rostock gelärmt, gelacht, gekramt und gerempelt.

Im ICE 4 dagegen herrschte Stille. Erst nach 30 Minuten beschwerte sich ein Büromann mit Kopfhörern und Laptop bei einer fröhlichen Vierergruppe beim Kölsch. „Hier ist die Ruhezone!“, wütend deutete er auf ein Schild an der Wand: „Pssst!“ Die Biertrinker sollen gefälligst in den Speisewagen gehen. Wie zur Bestätigung lud eine Säuselstimme aus dem Lautsprecher dermaßen sanft zu „Garnelencurry im Bordbistro“, dass es klang wie ein Achtsamkeitsseminar. Die Kölner lachten.

Während Biertrinker bei der Bahn herzlich willkommen sind (außer in Ruhezonen), gibt es andere Kundentypen, die den DB-Menschenforschern offenbar bisher entgangen sind. Handynutzer zum Beispiel. Auch der ICE 4 hat weder USB-Anschlüsse noch WLan, jedenfalls keines, das zu nennenswertem Datentransfer geeignet wäre. Oder auch Rollstuhlfahrer: Sie müssen sich bei der Bahn umständlich anmelden, als seien Menschen mit Handicap auch in der echten Welt eine so seltene Randgruppe wie Aliens. Trotzdem fahre ich gern ICE. Wegen der seltsamen Menschen, aber auch wegen der furchtlosen Kommunikation. „Senkjufor träwweling“ ist ein Klassiker, aber gut gefiel mir auch die Kampagne zur Abschaffung der verstellbaren Rückenlehnen im ICE 4: Während Fluglinien für starre Sitze als „Billigflieger“ gelten, versichert die Bahn selbstbewusst: Ja, aber dafür seien doch die Sitze jetzt weicher. Und überhaupt, die Kunden hätten das so gewollt.

Öffentlicher Nahverkehr als Reise in die verrückte Welt der Kommunikation: Einzig die BVG in Berlin hat das noch besser drauf. Bestes Beispiel: die chaotischen Busse zum Flughafen Tegel, die seit Jahren ohne Kofferablagen auskommen: Die Busse, so die BVG, werden seit Jahren mit der Begründung nicht umgerüstet, das lohne sich nicht, Tegel mache doch sowieso irgendwann zu.