Kolumne „Stadtflucht“

Wir und die anderen im Urlaub

Warum ist es uns auf Reisen eigentlich immer so peinlich, wenn wir als Deutsche erkannt werden, fragt sich Kolumnistin Uta Keseling.

Reporterin Uta Keseling pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Reporterin Uta Keseling pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Foto: pa/Montage BM

Kennen Sie diesen Moment im Urlaub, wenn einem die Bedienung ungefragt die Speisekarte in deutscher Übersetzung auf den Tisch legt? Man bedankt sich gequält lächelnd und fühlt sich enttarnt.

Ich gebe zu: Auch ich bin nicht frei von diesem eigentlich vollkommen unlogischen Reflex. Während andere Nationen fröhlich antworten, wenn sie in ihrer Landessprache angesprochen werden, erstarrt der Deutsche in solchen Situationen und korrigiert eher die Aussprache des Gegenübers, als sich zu bedanken. Wofür auch? Da hat man im Reiseführer ausführlich das Kapitel „Essen und Trinken“ studiert und natürlich das „bei Einheimischen beliebte“ Restaurant ausgewählt. Man weiß, wie Gnotschi und Prosetscho richtig ausgesprochen werden – und dann das.

Interessiert hört man sich die Empfehlung des Kellners an, der zur landestypischen Spezialität „ertrunkenen Oktopus“ rät und den lokalen Rotwein empfiehlt. Und entscheidet sich dann für ein, nun ja, anderes Essen. Zum Beispiel für Fleisch. Mit Beilage aus Kartoffeln. Und ein Bier. Wenn die Bedienung sich dann auf Deutsch bedankt, starrt man unauffällig nach unten, ob man nicht doch versehentlich Tennissocken in Sandalen trägt.

Urlaub auf einer portugiesischen Azoren-Insel

Als ich jetzt meinen Sommerurlaub auf einer portugiesischen Azoren-Insel nachholte, musste ich darüber nachdenken. Denn die Insel sah auf den ersten Blick aus wie Deutschland. Es gab ordentliche, weiße Satteldach-Häuser und sanfte, grüne Hügel mit Weiden voller schwarz-weißer Kühe. Es gab sogar eine Autobahn – und dennoch außer uns praktisch keine Deutschen. Toll!

Unter Palmen und im lorbeerbewaldeten Gebirge trafen wir Amerikaner und Rumänen. An den vulkanischen Quellen, wo die Einheimischen in riesigen Töpfen Eintopf kochten, trafen wir hungrige Engländer. In den Restaurants lernen wir flambierte Bratwurst als portugiesische Delikatesse kennen, ebenso Blutwurst mit Ananas, und einmal kaufte ich aus Versehen im Laden einen flüssigen Käse zum Auslöffeln, den die Azoreaner lieben.

Wenn uns jemand ansprach, dann meist auf Englisch. Deutsche Speisekarten gab es nur im Hafen, wo die Kreuzfahrtschiffe anlegen. Insofern, könnte man sagen, war es auch einfach deswegen ein schöner Urlaub, weil man einmal nicht dauernd entweder damit beschäftigt war, sich als Deutscher lächerlich zu fühlen oder sich über diese Leute da zu echauffieren, die ja nun wirklich keine Ahnung von dem Land hatten, bis man merkte, dass man selbst ganz genauso war.

Wandern auf einen einsamen Vulkan

Dann kam der Tag, an dem wir auf einen einsamen Vulkan wanderten. Vor uns lief eine schwatzende Gruppe Japaner, hinter uns tobte ein Trupp kanadische Jungs mit Rädern über die Hügel, doch bald waren wir allein mit Bergen, grünen Kraterseen und einer fantastischen Rundumsicht. Dachten wir.

Kurz vor dem Gipfel war da ein Surren. Ganz oben stand ein Mann, einsam wie ein Weltenlenker im Sturm, in der Hand ein Steuergerät wie von einer Playstation. Hinter ihm stand eine Frau, offenbar besorgt, der Mann könne beim Steuern seiner Fotodrohne in den Krater fallen. Als wir näher kamen, richtete er das surrende Dings samt schwarz glitzerndem Auge auf uns, als seien wir Schafe in der Landschaft.

Erst als wir laut lästerten, dass Deutsche selbst im Urlaub immer mit ihrer Technik protzen müssen, und was denn mit unserem Recht am eigenen Bild sei, setzte der Mann sein Flugdings zur Landung an. Die Frau reichte ihm peinlich berührt ein Futteral, in dem er die Drohne verstaute. Die beiden trugen Funktionsjacken – und ertappte Mienen, als hätte man ihnen eine deutsche Speisekarte gereicht.