Stadtflucht

Mein unterirdisches Jahr mit der BVG

Seit zwölf Monaten bin ich unfreiwilliges Mitglied einer sehr merkwürdigen Gemeinschaft. Aber ich habe auch eine Menge gelernt.

Foto: pa/Montage BM

Ich habe mir vorgenommen, die Dinge grundsätzlich positiver zu sehen, und glücklicherweise gibt einem Berlin ja auch täglich Anlass dazu. Allein mein Weg zur Arbeit zum Beispiel: Zwar brauche ich an manchen Tagen 20 Minuten, bis ich es überhaupt schaffe, mich in eine U-Bahn zu quetschen, zumal im Dezember. Offenbar ist die BVG wie jedes Jahr ebenso überrascht vom Winter wie Berlins Fahrradfahrer, jedenfalls sind jetzt morgens die Züge so voller Menschen und Räder, dass die Türen nicht mehr zugehen.

Während man auf dem Zug wartet, hat man viel Zeit zum Beobachten

Aber immerhin: So hatten wir, die Wartenden am Bahnhof Südstern, am Montagmorgen ausreichend Zeit zu beobachten, wie ein Polizist den Bahnhof betrat und einmal auf- und ablief. Von der Bank der Drogenhändler und Junkies zum anderen Ende des Bahnhofs, wo man oft Menschen sieht, wie sie unter elenden Bedingungen dort hausen, sie sich Spritzen setzen, am Boden schlafen.

Oder sich auch mal die Windeln wechseln, was neulich alle sahen, die aus dem Zug schauten. Im Zug führte das kurz zu Äußerungen zwischen herzzerreißendem Mitleid und hilfloser Wut. Muss man sich verantwortlich fühlen als Augenzeuge – und wenn ja, was sollte man tun? Hilfe holen? Oder die Polizei? Die war, immerhin, jetzt mal da. Als der Polizist ging, lag an der Sitzbank nur noch ein Fitzel Alufolie. Ich stellte mir vor, dass er von einer Frühstücksstulle stammte und nicht von dem Crack, das aus solcher Folie geraucht wird.

Umstieg auf die U-Bahn war nicht freiwillig

Man muss schließlich positiv denken. Dies ist meine wichtigste Lehre, seit ich vor einem Jahr auf die U-Bahn umstieg. Es war nicht freiwillig, sondern lag daran, dass seitdem bei uns sämtliche Parkplätze den Nachbarn aus dem berühmten Bergmannkiez vorbehalten sind. Aber warum ärgern? Auch wenn die meisten Parkzonen-Bewohner die Parkplätze gar nicht nutzen – ist doch schön, dass sie es könnten. Ich bin dafür Mitglied in einer unterirdischen Gemeinschaft namens BVG.

Wie gesagt, man muss immer die Vorteile sehen. Seit ich BVG fahre, weiß ich viel mehr. Nicht nur über Drogen, wo und wie sie gehandelt und konsumiert werden. Ich habe einen Scannerblick für Erkältungsviren (Protipp: sich nie neben Menschen mit Schals setzen). Und ich habe einen neuen Vorsatz. Nie, nie, niemals werde ich morgens in der U-Bahn knisternd, schlürfend, schmatzend aus der Bäckertüte frühstücken. Die BVG erzieht die Menschen.

Daran erinnerte mich dieser Tage mein Kontoauszug, auf dem wieder die Jahreskarte abgebucht wurde. Natürlich für gut 700 Euro und nicht 365, wie der Regierende Bürgermeister versprochen hatte. Erinnert sich noch jemand daran? Okay, das war im Juli, aber es ist ja auch schön, wenn man manches schnell wieder vergessen kann.

Die BVG hat eine eigene Zeitrechnung

Auch dabei hilft die BVG. Denn sie hat eine eigene Zeitrechnung. Nicht nur, wenn es um Politikerversprechen geht. Auch Verspätungen werden in BVG-Minuten umgerechnet. Es fühlt sich doch gleich viel besser an, wenn man 20 Minuten Wartezeit damit verbringt, auf die Anzeige zu starren, nach der die Bahn „in 2 Minuten“ kommt. Für jene, die dieser Zeitrechnung nicht trauen, bewirbt die BVG ihre Handy-App, sie zeige Abfahrten „in Echtzeit“. Also in ganz, ganz echter Zeit.

Auch über Tage kann man von der neuen Zeitrechnung profitieren. Erinnern Sie sich noch an die Hardenbergstraße? Das ist diese Wüste, wo die BVG seit mehreren Jahren „bis zum Herbst“ einen Tunnel abdichtet, in Endlosschleife. Ich bin sicher, die Baustelle bekommt demnächst Denkmalschutz. Das wäre ein Trost, wenn es mit dem Weltkulturerbe nicht klappt, das die BVG jetzt werden will.