Stadtflucht

Wie man seine gärtnerische Leistung voll abruft

Warum ein Garten Fähigkeiten erfordert, die im Großstadtleben überhaupt nicht angesagt sind – und was das mit Politik zu tun hat.

Foto: pa/Montage BM

An einem Novembertag, bevor der erste Frost kam, habe ich im Vorgarten 70 Tulpen gesetzt, und ich muss sagen: Es war enttäuschend und unspektakulär. Als ich fertig war und mich mit schmerzendem Rücken aufrichtete, blieb ein Nachbar stehen, der sein Fahrrad den Berg hochschob. „Na, und nu is’ bald gar nüscht mehr zu tun“, er deutete auf die kahle, geharkte Erde vor mir. Er hatte recht.

Tulpen zu setzen geht ganz schnell. Man vergräbt die Zwiebeln in der Erde, danach wird geharkt und alles sieht aus wie vorher. Man stellt sich beim Pflanzen ja immer vor, dass man ein grünes Geschöpf hegt und pflegt, bis es blüht. Aber Zwiebelsetzen hat etwas von einem schnöden Beerdigungszeremoniell, das schnell wieder vergessen ist. Wenn ein halbes Jahr später vor unserem Haus ein Blütenfeuerwerk explodiert, ist man regelrecht überrascht.

Gärtnern bedeutet, sich darauf zu verlassen, dass etwas, das man heute tut, erst viel später tatsächlich wirkt. Es bedeutet auch, dass man sich beherrscht, wenn im Supermarkt im Frühjahr die ersten Container-Tulpen mit dicken Knospen angeboten werden, während im eigenen Beet nicht mal eine Blattspitze rausguckt. Und natürlich sollte man nicht einfach wieder vergessen, was man selbst vorbereitet hat. Wäre ja blöd, im Frühjahr das Vorgartenbeet neu durchzuhacken und dabei 70 frisch gekeimte Tulpenzwiebeln zu killen, nur weil man sich an die gar nicht mehr erinnert.

Gärtnern ist hoffnungslos altmodisch

Was ich sagen will: Gärtnern ist hoffnungslos altmodisch. Es erfordert, um es im Neuhochdeutsch der großstädtischen Planer und Politiker zu sagen, Skills, die heute eher selten abgefordert werden. Nicht nur die Bereitschaft, auch unpopuläre Maßnahmen umzusetzen. Stundenlang mit gebeugtem Rücken Unkraut zu zupfen, statt einen schicken Mähroboter über die Rasenfläche zu lassen. Oder eben einfach mal nichts zu tun und Beete einfach liegenzulassen, statt sie andauernd mit Fertigblumen zu füllen. Manchmal ist Nichtstun eine Herausforderung, zumal, wenn andere dabei zugucken und dauernd alles bewerten.

Ein Gärtner, der große Parks bewirtschaftet, hat mir einmal gesagt: Er möge den Herbst als Jahreszeit am liebsten. Weil er dann an den Knospen der Bäume und unter der Erde schon sieht, wie alles vorbereitet ist auf den Frühling. Die Gewissheit, wie schön das Frühjahr wird, mache ihn schon im Herbst froher als der reale Anblick ein halbes Jahr später.

Gärtnern erfordert Vertrauen und Geduld

Gärtnern, soll das heißen, erfordert Fantasie. Es erfordert Vertrauen und Geduld. Und Ehrlichkeit. Spätestens, wenn im Frühjahr statt der vermeintlichen Tulpenpracht doch Löwenzahn sprießt, wird es Zeit für eine ehrliche Bilanz.

Wie tief hatte man nochmal die Zwiebeln gesetzt, bevor der Frost kam? Hat die Katze tatsächlich die Wühlmäuse gefressen oder war sie doch wieder nur heimlich beim Nachbarn? Dann sollte man, um im Hauptstadtsprech zu bleiben, ein Maßnahmenpaket auf die Agenda setzen, um die gärtnerische Leistung wieder voll abzurufen.

Wenn Sie jetzt sagen: Gärtnern erinnert ja doch an Politik, dann: Ja. Was mir bei all den Maßnahmenpaketen, Agenden und medienaffinen Bürgerdialogen manchmal fehlt, gerade auch in Berlin, ist genau das: Die Bereitschaft zu langfristig sinnvollen Maßnahmen, auch wenn man nicht sofort einen Effekt sieht. Mit fehlt die Ausdauer, ein Ziel abseits der nächsten Wahlen oder der nächsten twittergesteuerten Schlagzeile zu verfolgen. Egal ob Wohnungen, Radwege oder Klimawandel – manchmal habe ich das Gefühl, die politischen Maßnahmen kommen aus derselben Retorte wie die Containertulpen im Januar.