Stadtflucht

Dabei sein ist für die Berliner alles!

Warum es besondere Ereignisse gibt, die erst durch die Berliner zu solchen werden, und man immer Sekt im Haus haben sollte.

Reporterin Uta Keseling pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Reporterin Uta Keseling pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Foto: pa/Reto Klar

Zu den großen Berliner Rätseln gehört für mich auch nach mehr als 30 Jahren die Liebe der Großstadtbewohner zu Massenveranstaltungen. Als ich 1987 gerade nach West-Berlin gezogen war, geriet ich einmal am Bahnhof Zoo in eine U-Bahn voller Hertha-Fans. Hertha hatte verloren, ich stieg am Wittenbergplatz wieder aus und lief lieber zu Fuß weiter, als noch eine Minute mit diesen Menschen in einem Waggon zu verbringen. Als ich meinem einzigen „echten“ Berliner Freund (alle anderen waren zugezogene Studenten wie ich) empört von den grölenden und rüpelnden Männern erzählte, hatte der wenig Verständnis. Nicht nur, weil er selbst Hertha-Fan war, sondern weil er es gar nicht anders kannte.

Egal, ob Olympiastadion, Waldbühne oder Wannsee – Ereignisse, bei denen man nicht im Stau, am Bahnhof oder in der Schlange steht, bei denen nicht mindestens einmal der Zugverkehr zusammenbricht und die halbe Stadt lahmgelegt wird, haben in der Berliner Chronik am Ende gar nicht stattgefunden. Stau, Chaos, Gedrängel – hier gehört all das bereits zum Ereignis.

Ich habe lange gebraucht, um das zu verstehen. Bis 1989 schien es eine einfache Erklärung zu geben, weshalb immer alle Berliner versuchten, gleichzeitig am selben Ort zu sein. Sie konnten schließlich nicht anders. Egal, ob Tiergarten, Strandbad Wannsee oder auch der merkwürdige „Polenmarkt“ auf der Brache, die heute wieder Potsdamer Platz heißt, egal, wohin man ging, die anderen waren immer auch schon da.

Aber West-Berlin hatte damals eben auch keine Chance. Berlin hatte die Mauer. Es gab kein Umland, keine Gebirge, keine Naherholungsziele, die zu einsamen Sonntagsausflügen einluden. Der einzige einsame Ort in der Stadt war die Mauer selbst. Ausnahme waren allenfalls die Konzerte am Reichstag wie jenes von Pink Floyd 1988. Eine einzige meiner Freundinnen hat damals das legendäre Konzert live und von Nahem gesehen. Sie besaß einen Crew-Ausweis, weil sie an der Kulisse mitgearbeitet hatte. Wir anderen bekamen etwa so viel von der Musik mit wie die Fans auf der anderen Seite der Mauer.

Der Berliner will sich nach dem Mauerfall öffentlich zusammenfinden

Nach dem Mauerfall nahm erstaunlicherweise jedoch der Hang zum Gedränge eher noch zu. Und das nicht allein wegen der Touristen, die plötzlich in Scharen kamen. Nein. Wenn in Berlin im Sommer sonnabendmorgens die Sonne scheint, kann man sicher sein: Die Ausfallstraßen Richtung Schorfheide und Spreewald sind dicht. Kilometerlange Blechlawinen lassen die entgegenkommenden Autofahrer befürchten, dass Berlin wegen Überfüllung geschlossen wurde. Eine unbegründete Sorge, natürlich. Aber was soll man als Berliner schon machen, wenn alle anderen auch weg sind? Die Berliner sind eben viele. Und das gern alle gemeinsam.

Daran hat sich bis heute wenig geändert. Das kann man befremdlich finden, man muss aber wissen: Dahinter steckt ein sehr sympathischer Zug. Denn tatsächlich gibt es ja auch die besonderen Ereignisse, die erst durch die Berliner zu solchen werden. Durch die Bereitschaft, spontan massenhaft irgendwo zu erscheinen: auf Stadtbrachen zu Festivals, am Spreeufer, als dort in den 90ern die ersten Liegestühle standen, oder an der Siegessäule, wenn dort der spätere und richtige US-Präsident auftritt.

Das wichtigste Nicht-Ereignis Berlins war, natürlich, der Mauerfall. Wären damals nicht tausende Berliner mit Sektflaschen zu den Grenzübergängen gefahren, weil es die anderen auch taten, dann wäre die Mauer am 9. November 1989 wohl nicht gefallen. Daraus lernt man: Als Berliner soll man immer eine Flasche Sekt im Haus haben.

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