Stadtflucht

Ist uns in Berlin eigentlich alles egal?

Das Kokstaxi am U-Bahnhof oder: Wo der typische Berliner Humor aufhört und die allgemeine Ignoranz beginnt, beobachtet Uta Keseling.

Reporterin Uta Keseling pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Reporterin Uta Keseling pendelt zwischen Kreuzberg und der Uckermark.

Foto: dpa/Reto Klar

Neulich gab es abends am U-Bahnhof Südstern Geschrei. Es kam aus der Ecke ganz hinten am Gleis, wo schon seit Jahren nachts Menschen schlafen. Und wo es neuerdings immer öfter Ärger gibt. Denn jetzt werden hier auch harte Drogen verkauft und konsumiert. Als ich im Fahrstuhl meiner Begleitung davon erzählte, kommentierte das ein Mann neben mir: „Das war doch schon immer so!“ Gleich um die Ecke sei die Hasenheide, wo seit Jahrzehnten Haschisch verkauft wird. Gemeint war: Nur nicht gleich aufregen.

Wir kamen dann aber doch ins Gespräch über den Unterschied zwischen Kiffen und Crack, das neuerdings schon morgens am Bahnsteig geraucht wird – und nicht nur an unserem. An immer mehr Bahnhöfen, so ist zumindest mein Eindruck, sieht man Menschen über Alufolie gebeugt sitzen und inhalieren, andere setzen sich in aller Öffentlichkeit Spritzen, die Reste liegen dann an und um die Bahnhöfe herum.

Dealer und Konsumenten würden am Kottbusser Tor und im Görlitzer Park verdrängt, meinte der Mann im Fahrstuhl, weil dort mehr Polizei unterwegs sei. Das sei eben so. Ein unabänderliches Gesetz quasi. Die Vertreibung der Drogenszene aus ihrem angestammten Kiez. Schließlich räumte der Mann aber ein, dass es auch ihm mittlerweile zu viel werde. Neulich sei er im Hausflur über einen Junkie gestolpert, der noch mit der Spitze im Arm in seinem Blut lag.

Situationen wie diese erlebe ich immer häufiger. Es fing mit den ausufernden Graffiti-„Gemälden“ auf U-Bahnen an, zu denen ich immer wieder höre: Ich solle mich doch nicht so anstellen, Graffiti gehörten eben zu Berlin, das sei Kunst, und so sei die Stadt eben, bunt und ein bisschen böse. Aber dafür so frei!

Ich weiß nicht. Neulich lief ich nahe dem Checkpoint Charlie an zwei Autowracks vorbei, sie waren in der Nacht angezündet worden. Ein teurer Mercedes, daneben ein Van, auf dessen Rücksitz noch das verkohlte Gerippe eines Kindersitzes lag und im Kofferraum zwei Backbleche, die aussahen wie vom letzten Kindergeburtstag. Mehr als 300 Autos sind allein in diesem Jahr in Berlin in Flammen aufgegangen. Ob mit einer Mission oder einfach nur, weil man es in Berlin eben kann – man weiß es nicht. Denn meist werden die Täter nicht gefasst. Empört man sich darüber, hört man: Sind doch nur Autos. Und überhaupt: Sollen die Leute doch U-Bahn fahren! Autos schaden der Umwelt. Nur nicht aufregen.

Aber was dann? Okay, wegen jedes Junkies und jedes Graffitis die Polizei zu rufen, wäre sicherlich übertrieben. Die Polizei kann (und soll) auch nicht an jeder Ecke stehen und aufpassen – wir sind kein Polizeistaat. Und ja, bei kleinem Alltagsärger hilft auch Berliner Humor, den ja gerade die BVG in ihrer Werbekampagne gern bemüht. Zugegebenermaßen finde ich viele Sprüche auch lustig. Aber sie verbessern eben auch nichts. Sie fördern eine „Is-mir-egal“-Haltung, die vielleicht typisch Berlin sein mag – aber eben nicht lustig.

Ich dachte über Humor und Ignoranz nach, als ich neulich im U-Bahnhof Gneisenaustraße stand. Dort ist meist Stimmung wie in einer Altberliner Eckkneipe, es wird gesoffen, gequalmt, gelärmt. Mein Blick fiel auf ein neues Plakat: „Wie Kokstaxi, nur ohne Koks“, warb dort ein Carsharing-Unternehmen, das offenbar BVG-mäßig lustig sein wollte. Auf der Bank davor hatten sich drei Männer um einen vierten geschart. „Ganz ruhig, wir sind hier unter Freunden“, sagte der jüngste der Vier und breitete seine Jacke wie einen Sichtschutz über dem Typ auf der Bank aus. Dieser beugte sich über eine Alufolie, holte tief Luft. Dann kam die U-Bahn.

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