Stadtflucht

Das Geheimnis um eine Postkarte

Neulich kam eine Postkarte an und löste große Neugier aus. Dabei war sie nicht einmal an mich adressiert.

Uta Keseling

Uta Keseling

Foto: Reto Klar / Funke Foto Service / FUNKE Foto Services

Es gibt Tage, an denen im Dorf nicht mehr passiert, als dass eine Katze über die Straße läuft. Von rechts nach links erscheint sie dann aus der Jasminhecke vor der alten LPG, schreitet mit hochgerecktem Schwanz über die Holperstraße und verschwindet dezent in der Rosenhecke der Nachbarn.

Die Katze ist grau gestreift mit weißen Tatzen, und das ganze Dorf weiß, dass sie zu den Leuten im roten Haus gehört. Und dass sie sich jeden Morgen, sobald die Leute aus dem roten Haus zur Arbeit gefahren sind, mit den Nachbarn zum zweiten Frühstück trifft.

Danach wird oben an den Gärten ein Hahn krähen, was danach alle Hähne im Dorf tun. Gegen elf wird es kurz Aufregung bei den Gänsen geben, und wenn um eins der Schulbus mit 80 durchs Dorf donnert, weiß man: Es ist Mittagsruhe. Wer jetzt noch mäht oder sägt, bekommt Ärger. Zweimal im Monat kommt die Müllabfuhr. Und sonst so? Tja.

Wenn es dann auch noch regnet, bekommt das Wort Lebensabend eine ganz neue, bedrohliche Bedeutung. Will man wirklich immer auf dem Dorf leben? An einem Ort, wo es zum Ereignis wird, wenn diese fette Katze mal nicht morgens über die Straße läuft oder, Skandal!, das Ordnungsamt Strafzettel an alle verteilt, die die Grasbüschel nicht aus dem Rinnstein entfernt haben?

Oder wenn die Postbotin tatsächlich mal am eigenen Haus hält und etwas einwirft, das nicht nur die Nachricht vom nächsten Lottomillionär ist, sondern, wie neulich, eine echte Postkarte. Handgeschrieben, mit Briefmarke.

Ich weiß nicht, wie lange es her ist, dass ich eine Postkarte bekam oder selbst eine geschrieben habe. Eine Weile haben wir uns unter Freunden noch möglichst absurde, kitschige oder uralte Postkarten von seltsamen Orten geschickt, von Dienstreisen oder öden Verwandtenbesuchen. Seit dem Selfie auf Instagram ist auch das vorbei.

Die Postkarte kam aus der nahen Kleinstadt. Auf mehreren Bildern zeigte sie Sehenswürdigkeiten, oder vielmehr das, was man in der Kleinstadt dafür hielt – unter anderem das Schwimmbad. Was auf der anderen Seite geschrieben stand, machte mich betroffen. Zumal ich gar nicht die Adressatin war, sondern ein mir unbekannter Mann mit einem Allerweltsnamen, der offenbar ein Problem hatte.

Etwas ratlos googelte ich den Adressaten, fand aber nur Namensvetter am Bodensee, was mir unwahrscheinlich erschien. War es eine verschlüsselte Botschaft? Wollte mich jemand veräppeln? Und warum hatte der Absender den Adressaten nicht einfach angerufen? Ich fragte die Nachbarn, nebenan, niemand kannte den Mann.

Ein paar Tage später kam die Aufklärung. Ein anderer Nachbar stellte mir auf der Straße seine neue Freundin vor (ob er überhaupt erzählt habe, dass die vorige ihn verlassen hatte?), die wiederum aus dem Dorf stammte. Und nicht nur den Postkarten-Absender, sondern auch den Adressaten kannte. Er wohnte im Haus, wo früher die Maiglöckchen am Zaun blühten, erfuhr ich, und dachte: Vielleicht hätte der Absender das auf die Karte schreiben sollen, dann wäre sie längst da.

Dann wollten die Nachbarn natürlich wissen, was auf der Postkarte stand. Ich zögerte. Gilt für Postkarten nicht das Postgeheimnis? Also drehte die Nachbarin den Spieß um und erzählte selbst, was sie wusste: Dass der Absender sich gern und oft beklagt habe. Dass seine Rechtschreibung fehlerhaft war. Er sei ja ein lustiger Kerl, aber nie gut organisiert. Zum Schluss wusste ich unendlich viel mehr über das Dorf. Unter anderem, dass das Postgeheimnis möglicherweise das einzige Geheimnis ist, das es auf so einem Dorf überhaupt gibt.