Stadtflucht

Warum wir Berliner so geduldig mit Touristen sind

Wenn einen Touristen auf der Straße ansprechen und so tun, als sei man für die Lösung all ihrer Probleme zuständig.

Uta Keseling bleibt geduldig, wenn Touristen nach dem nächsten Supermarkt fragen.

Uta Keseling bleibt geduldig, wenn Touristen nach dem nächsten Supermarkt fragen.

Foto: dpa/Reto Klar/BM Montage

Berlin. Es war ein später Mittwochabend gegen 22 Uhr, ich kam mit einer Freundin von einer Verabredung, als uns ein Paar ansprach. Hippe junge Leute mit Rollkoffern: Wo hier der nächste Supermarkt sei, der bis Mitternacht geöffnet habe? Sie wollten Lebensmittel einkaufen. Gute Frage. Um Mitternacht gehen wir ja eher selten Lebensmittel einkaufen, mussten wir einräumen. So schlugen wir den jungen Leuten den arabischen Imbiss am nächsten U-Bahnhof vor, doch sie rümpften die Nase. Falafel? Nein. Wie wäre es mit Pizza? Auch nicht. Vielleicht asiatisch, fragte ich höflich, gleich gegenüber haben junge Leute gerade ein hervorragendes vietnamesisches Restaurant eröffnet? Auch nicht.

Ich begann mich leise zu fragen, was wir hier eigentlich machten. Es war spät in der Nacht, meine Freundin und ich mussten beide am nächsten Tag früh arbeiten. Wie wäre es also mit einem Taxi zum Supermarkt am Bahnhof Zoo? Kopfschütteln, auf keinen Fall, viel zu weit. Langsam wurden wir ungeduldig, das Paar nicht. Die beiden wirkten nicht, als hätten sie kein Geld oder irgendein anderes Problem. Sondern einfach, als hätten sie eine klare Vorstellung – und ein Anrecht auf eine Lösung. Durch uns.

Nein, in Berlin kann man Fahrkarten nicht im Zug abstempeln

Schließlich nahm ich das Handy und googelte „Supermarkt“. Ergebnis: Ein Supermarkt in der nahen Bergmannstraße hatte bis Mitternacht geöffnet. Das Paar bedankte sich höflich, aber mit einer kühlen Selbstverständlichkeit, als seien meine Freundin und ich eine Art Hauptstadt-Personal, das für derartige touristische Auskünfte zuständig sei. Warum sie nicht einfach an der Hotelrezeption nachgefragt hatten, wurde klar, als sie mit den Koffern in den nächsten Hinterhof rollerten: Ganz offensichtlich hatten sie eine Ferienwohnung gebucht.

Im Weitergehen überlegten wir kurz, ob wir uns aufregen sollten, mussten dann aber lachen. Auch über uns, denn uns beiden passiert so etwas häufig. Ich weiß nicht, wie viele U-Bahnen ich verpasst habe, während ich ungläubigen Touristen erklärte, dass man in Berlin U-Bahnen-Fahrkarten wirklich nicht im Zug, sondern nur im Bahnhof abstempeln kann. Und das zwar meist irgendwo weit weg am Eingang. Neulich konnte ich am Kudamm nur knapp einen Familienstreit unter Italienern schlichten – es ging um die Frage, wie man zu den Luxusgeschäften kommt. Glücklicherweise hatte ich eine Antwort, anderenfalls hätte ich den Ärger wohl selbst abbekommen.

Selbst im Auto an der Ampel bin ich schon gefragt worden. Heftiges Klopfen am Fenster, Notfall-Blick aus dem Auto nebenan. Dass es längst Grün war und alle hinter mir hupten, bis der Familienvater endlich kapiert hatte, wo der Potsdamer Platz liegt, war diesem egal. Manchmal würde ich gern zurückfragen: „Hörn’ Se mal, sind wir hier Ihr Hauptstadt-Personal?!“ Aber ich tue es nicht.

Auswärtige Gäste waren oft höflicher als die Berliner

Denn richtig wundern muss man sich über das Verhalten nicht. Wenn selbst Berliner Stadtvermarkter und Politiker uns Bewohner neuerdings als „Locals“ bezeichnen, was eine hippe Umschreibung des Wortes „Einheimische“ ist, die aus Reiseführern stammt, dann wird man eben auch so behandelt.

Meine Freundin und ich haben uns vor genau 29 Jahren als studentische Taxifahrerinnen kennengelernt, an der Taxihalte Zossener Straße, nachts um eins. Tags Uni, nachts Taxi, Berlin war im Mauerfallfieber. In Kreuzberg und auf dem Taxifunk wurde damals noch hart berlinert und ganz ehrlich: Die auswärtigen Gäste, die damals in die Stadt strömten, waren oft höflicher als viele Berliner, die von den Menschenmassen einfach genervt waren. Vielleicht bleiben wir heute deswegen so geduldig. Man kann ja auch mal etwas zurückgeben.