Stadtflucht

Die unbezwingbare Gier nach Pilzen

Der Winter beginnt nicht mit Lebkuchen im Supermarkt, sondern mit dem sonderbaren Verhalten von Katzen und Menschen.

Es wird Winter. Das wird Sie nicht überraschen, es ist ja auch jedes Jahr wieder dasselbe Leid, wobei man sagen muss: Ein paar Überraschungen gibt es ja trotzdem immer. Und ich meine jetzt nicht die Lebkuchen im Supermarkt im September, die ja keinen anderen Sinn haben, als uns daran zu erinnern, dass wir uns ab jetzt lieber „bevorraten“ sollen, wie es früher in Werbeprospekten hieß. Für schlechte Zeiten, wenn das Wetter grau ist, alle Kollegen erkältet und dann auch noch die U-Bahnen zu spät ist.

Glücklich, das sagen uns die überfüllten Supermarktregale, ist, wer in solchen Zeiten den Schrank (oder den Bauch) voller Lebkuchen und Spekulatius hat.

Wenn die Katze sich im Gästebad versteckt

Auf dem Dorf hat die fremde Katze den Winter eingeleitet. Und zwar schon Ende August, als sie eines Abends beschloss, sich in unserem Gästebad zu verstecken, statt wie sonst die Nacht im Freien zu verbringen, wo sie dann wahlweise unter dem Auto schläft oder sich mit dem gutaussehenden Kater von gegenüber prügelt.

Das Geschrei war groß, als nachts im Dunkeln ein Gast im Bad auf das flauschige Ding trat, das er für eine Badematte gehalten hatte. Das Ding – also die Katze – floh fauchend aus der Tür, ließ einen entsetzten Gast zurück und zog sich für die restliche Nacht in die Küche zurück, um dort die Futternäpfe und Heizungsrohre zu bewachen – beziehungsweise das neue Leben dahinter.

Deswegen war die Katze nämlich eigentlich gekommen. Jedes Jahr, wenn die Heizung bei uns wieder läuft, richten sich im Zwischenboden Mäuse ein. Mit viel Geraschel und Geknispel wird die Dämmung der Rohre zerpflückt, werden Krümel vom Küchenboden gesammelt – und, wen man Pech hat, auch ganze Packungen aufgeknabbert und Nudeln und Mehl über den Boden der Küche gestreut.

Was wiederum die Katze freut – denn dann ist, sozusagen, Erntezeit in Katzenhausen. Wir wiederum halten im Hintergrund Lebendfallen bereit, weil das befürchtete Mäusemassaker meist glücklicherweise ausbleibt. Die Katze, auch wenn sie sich gern als mäusemordendes Monster darstellt, ist halt schon 13. Und das Runde in der Katzenmitte ist nicht nur Winterfell, auch wenn sie das gern so darstellt.

Was mich an Tieren fasziniert, ist das Unbeirrbare. Während der Mensch das Lebkuchenregal als Herausforderung begreift, als Start des alljährlichen Kampfes gegen Kalorien und sich selbst, machen es Tiere genau andersherum. Sie fressen sich hemmungslos Winterspeck an. Genüsslich und, im Falle der Katze, ganz offenbar besorgt, dass der Mensch eines Tages doch mal das Dosenfutter vergessen könnte. Vielleicht ja witterungsbedingt, im Winter.

Riesige Pilze locken am Straßenrand

Nur eine Ausnahme macht der Mensch, das konnte man vergangenes Wochenende wieder schön beobachten. Wenn nämlich Pilzsaison ist, kennen auch wir kein Halten mehr. Zumal die Berliner – sie strömen dann gierig in die Wälder, überall stehen die Autos, und wenn man, wie ich, mit der Bimmelbahn durch die Schorfheide fährt, sieht man sie zwischen den Bäumen hin- und herhuschen, mit großen Körben in den Händen wie Hänsel und Gretel.

Die potenzielle Ernte sah aber auch wirklich märchenhaft aus. Zumindest von Weitem. Riesige Pilze lockten am Straßenrand, auf Weiden ganze Kreise aus weißen Schirmen, im Wald braune Samthüte – allerdings auch feuerrote Fliegenpilze. So erklärten sich auch die fast leeren Körbe der Pilzsammler, die in den Zug stiegen. Sie hätten vor allem Giftpilze gefunden, meinten sie. Und würden jetzt doch lieber in den Supermarkt fahren.