Stadtflucht

Wie man die ganze Welt in einer Telefonzelle findet

In Kreuzberg steht jetzt eine Kabine voller Bücher auf der Straße. Warum das eine wunderbare Idee ist, sagt Kolumnistin Uta Keseling

Bücher eröffnen Welten, sagt Uta Keeling.

Bücher eröffnen Welten, sagt Uta Keeling.

Foto: dpa/Reto Klar

Berlin. Neulich lief ich am Südstern an einer gelben Zelle vorbei, an deren Tür ein Mann rüttelte, den offensichtlich ein dringendes Bedürfnis plagte. Ich wollte mich schon empören, dass mittlerweile selbst Telefonzellen zu solchen Dingen missbraucht werden, als mir auffiel: Das Ding war tatsächlich ein Klo. Eine Chemietoilette in Postgelb. Warum auch nicht? Verwechslungsgefahr droht ja nicht mehr, seit die Telekom vor einem halben Jahr die allerletzte Tele-Zelle abgebaut hat. Telefoniert wird heute zellenlos und überall (und die Wahrheit ist, dass manche Männer gern auch andere Dinge in Berlin schamlos im Freien erledigen).

Doch bevor mich Nostalgie nach der Telefonzelle erfassen konnte, stand ich ein paar Meter weiter tatsächlich vor einer. Einer echten alten Telefonzelle! Sie war gerade aufgestellt worden, direkt um die Ecke der Chemietoilette, sicher ein Zufall. Sie ist liebevoll grün-blau bemalt mit Wiese und Wolken, und über der Tür steht „Bücherbox“.

Wo früher das Telefon und die Telefonbücher hingen, sind jetzt Bücherregale. Aus Holz. Mit echten Büchern. Neben Wörterbüchern und Opernratgebern gibt es derzeit „Lederstrumpf“, „Lassie“, „Tarzan aus Prenzlauer Berg“ und eine Einführung ins Blockflötenspiel.

Ich gebe zu, ich war spontan begeistert. Weniger über die aktuelle Auswahl, auch wenn sie viel über die Nachbarschaft aussagt (ich bringe demnächst mal ein paar Krimis mit). Aber doch über die Idee. Jeder darf Bücher nehmen und geben, wie er will. Dadurch bekommen die Zellen wieder eine kommunikative Funktion. Dass es das jetzt auch vor meiner Haustür gibt, finde ich gut. Der Initiator Konrad Kutt stellt die Bücherboxen schon seit zehn Jahren auf, den Ausbau machen Auszubildende, das Projekt wurde mehrfach ausgezeichnet.

Aber da ist noch etwas anderes. Erinnern Sie sich noch an den Geruch von Telefonzellen? Irgendwas zwischen nassen Pullovern, altem Zigarettenrauch, manchmal ein Hauch von Parfüm? Manche Zellen waren vollgekritzelt, manchmal fehlten im Telefonbuch entscheidende Seiten oder die Groschen fielen dauernd durch. Irgendwas war immer, aber das war alles egal, sobald am anderen Ende der Leitung jemand antwortete.

Mit Büchern ist es so ähnlich. Zum einen entwickeln auch sie einen eigenen Geruch, je öfter sie gelesen werden, das Papier wird weich wie ein getragenes Kleidungsstück. Das kann widerlich sein oder auch spannend. Denn Bücher eröffnen Welten.

Als Kind fuhr ich einmal die Woche in die Stadtbücherei. Schon bevor ich ein Buch aus dem Regal zog, ahnte ich, wie es sein würde. War der Buchrücken durchgedrückt, hatten es die vorherigen Nutzer ganz durchgelesen. Steckten noch Lesezeichen drin, war Misstrauen angesagt. Hatte es Fett- und Schokoflecke, handelte es mutmaßlich von Pferden, Liebe, Indianern oder Hanni & Nanni. Auf der Karteikarte sah man auch, wann das Buch zuletzt ausgeliehen worden war. Und für wie lange. Wer braucht da noch Bestsellerlisten?

Knapp ein Zehntel der Deutschen liest heute noch täglich in einem Buch, etwa ein Drittel seltener als einmal im Monat, ergab gerade eine Analyse des Allensbach-Instituts. Sicher, auch ich lese heute Bücher meist papierlos, teils sogar auf dem Handy (in der U-Bahn ist das praktisch). Aber wer nie echte Bücher gelesen hat, dem fehlt eine Form der Welterfahrung. Es ist, als wäre man nie verreist oder hätte nie telefoniert. Was auch stimmt: Bücher sind teuer und nehmen viel Platz weg. Aber im Gegensatz zu Reisen oder Telefonen kann man sie problemlos mit anderen teilen. Mit Freunden – oder eben über die Bücherbox.